Von Thierry Chervel
Für Literaturbegeisterte ist www.perlentaucher.de in drei Jahren zur festen Adresse im Internet geworden. Täglich wertet die Redaktion die Feuilletons in- und ausländischer Zeitungen aus, fasst Buchkritiken in einer Datenbank zusammen und bietet Link- und Fernsehtipps sowie viele weitere Schmankerl für den fortgeschrittenen Feingeist. Der Journalist Thierry Chervel hat den mittlerweile mit einem Grimme-Preis ausgezeichneten Perlentaucher erfunden. Hier erzählt er, warum das Online-Projekt auch in schweren Zeiten funktioniert.
Auf die Idee zum Kulturmagazin Perlentaucher kamen Anja Seeliger und ich im Jahr 1999, der Boomzeit des Journalismus. Wir agierten in einem Umfeld der Euphorie und des Optimismus.
Am Anfang die Idee
Für die Idee brauchte es aber auch eine Spur Pragmatismus. Nämlich einen Mann für die Zahlen: Niclas Seeliger, Anjas Bruder, heute Geschäftsführer des Perlentauchers. Und einen Mann für die Technik: Adam Cwientzek, der Mozart des Programmierens. Ihm verdanken wir heute unser Überleben.
Anfangs war Anja und mir das nicht klar. Wir dachten, man lässt sich von einer Agentur einen Internetauftritt bauen, und den benutzt man dann wie eine Waschmaschine. Weit gefehlt. Ein Internetmedium kann man nur etablieren, wenn Inhalt und Technik permanent interagieren.
Am 15. März 2000, praktisch am Tag des höchsten Börsenstandes, ging der Perlentaucher ans Netz. Von nun an ging's bergab.
Euphorie weicht der Panik
Und bergauf. Einerseits wich die Euphorie der Panik. Andererseits aber hatte der Perlentaucher unbewusst eins richtig gemacht: Wir waren nicht als Start-up ans Netz gegangen. Da wir uns von niemandem hineinreden lassen wollten, hatten wir kein Risikokapital gesucht. Wir haben mit 60.000 Mark Kapital angefangen - dem berühmten Geld von Freunden und Verwandten. Höher sind unsere Schulden bis heute nicht. Wir waren von Anfang an auf Einnahmen angewiesen und mussten die entsprechende Fantasie entwickeln, um sie zu erzeugen. So kooperierten wir mit Internet-Buchhändlern, erfanden die Einzelbuchwerbung für Verlage und bauen inzwischen auch ganze Internetauftritte für Verlage und Autoren.
Geld für zwei Jahre
Start-ups agierten anders. Sie dachten: Wir haben Geld für zwei Jahre. Wir haben Zeit, um unsere Idee zu erproben. Dabei wurde viel Mist gebaut, und irgendwann kam der Kapitalgeber und räumte die Computer aus. Dem Perlentaucher konnte das nicht passieren. Trotzdem: Man sollte sich nie in falscher Sicherheit wiegen. Der Perlentaucher funktioniert wie jedes Kleinunternehmen, also stets am Rande der Möglichkeit. Aber immerhin haben wir so seit dreieinhalb Jahren überlebt und verdienen im Gegensatz zu vielen anderen Journalisten Geld mit einer Arbeit, die uns sinnvoll erscheint.
Kann ich Journalisten heute empfehlen, einen ähnlichen Weg zu gehen? Die wichtigste Erfahrung aus der Perlentaucher-Zeit ist: Es sollte ein Techniker dabei sein, es funktioniert nur im Team. Und es bleibt ein Risiko
Wer als Journalist dieses Risiko nicht eingehen will - eine nur zu verständliche Entscheidung - dem sei geraten, zunächst einmal für sich selbst eine Internetadresse aufzubauen. Wer dort seine Spezialthemen bekannt macht, kann sie im Lauf der Zeit zu einem interessanter Anlaufpunkt ausbauen, der auch dann finanziell interessant ist. Selbst, wenn sich kein direktes Einkommen aus einer solchen Adresse ergibt.
Thierry Chervel, Referent im Workshop „Neueste Medien“ auf dem jonet-Tag, war Redakteur bei der "taz" und Kulturkorrespondent für die "Süddeutsche Zeitung" in Paris.
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