19. November 2008 Das chinesische Programm der Deutschen Welle steht in der Kritik. Im Gespräch mit FAZ.NET verteidigt sich sein Intendant Erik Bettermann gegenüber dem Vorwurf, das Programm würde unkritisch über das chinesische Regime berichten.
In wie vielen Sprachen sendet die Deutsche Welle?
Die Deutsche Welle arbeitet in dreißig Sprachen.
Wissen Sie denn eigentlich, was in diesen dreißig Sprachen berichtet wird?
Dafür haben wir Vorgaben, Chefredakteure, verantwortliche Redaktionsleiter und Fachleute in den einzelnen Redaktionen. Ich setze sehr stark auf die Selbstverantwortlichkeit der redaktionellen Mitarbeiter. Ich habe in allen Fremdsprachenredaktionen Leute eingesetzt, die Deutsche sind oder aus dem christlich-abendländischen Kulturkreis stammen.
Man fragt sich, wie der Intendant eines so vielsprachigen Senders den Überblick behält. Ob er das überhaupt kann, und was er in einem Fall wie dem jetzt diskutierten unternimmt, da es um Kritik am chinesischen Programm geht. Es könnte ja auch um das amharische oder bulgarische Programm gehen.
Ein Auslandssender wie die Deutsche Welle oder die BBC World News oder auch Radio France Internationale ist natürlich das Objekt der Begierde diktatorischer Regimes, die daran interessiert sind, ihre Sicht der Dinge über internationale Sender zurückzubringen. Das ist unbestritten eine Herausforderung für jeden internationalen Sender. Und deswegen habe ich Mechanismen eingebaut, um dagegen gefeit zu sein, weil natürlich der Intendant, der Programmdirektor, der Chefredakteur nicht alle Sprachen sprechen können, in denen wir senden. Ein Beispiel: An der Spitze jeder Redaktion muss jemand stehen, der die Sendesprache beherrscht und unseren Wertekanon teilt.
Das Deutsche-Welle-Gesetz schreibt ja sogar vor, dass Sie Ihre Programme evaluieren.
Das ist neu seit 2005. Wir haben dem Rundfunkrat gerade eine Zwischenevaluation vorgelegt.
Wie funktioniert das, ziehen Sie dafür externe Berater heran?
Bei der Evaluation geht es um das Ganze, um das Programm, die Inhalte, die Frage, wen wir erreichen oder wie viele Mitarbeiter wir beschäftigen.
Konkret geht es im Augenblick um Kritik an Ihrem chinesischen Programm, aufgebracht durch offene Briefe und eine Petition an den Deutschen Bundestag von chinesischen Dissidenten und des Autorenkreises der Bundesrepublik Deutschland, die der Deutschen Welle vorwerfen, sie berichte zu unkritisch oder gar dem Regime hörig über China, im Radio und im Internet.
Sie dürfen in diesem Zusammenhang nicht die chinesische Nachrichtenagentur vergessen, die mir nationalsozialistische Methoden unterstellt. Ich fühle mich von keiner Seite zutreffend kritisiert.
Nun ist der Deutschlandfunk aber hingegangen und hat Texte aus Ihrem chinesischen Internetangebot übersetzt, mit dem deutschen verglichen und erhebliche Diskrepanzen festgestellt. Kritisch auf Deutsch, zurückhaltend, um es vorsichtig zu sagen, auf Chinesisch. Aus tibetischen Protesten“ werden gewalttätige Krawalle“, um nur ein Beispiel zu nennen.
Der generelle Vorwurf, wir wären Sprachrohr der chinesischen KP, ist unzutreffend. Über die Frage der journalistischen Qualität kann man sicherlich nachdenken. Zunächst richtet sich unsere deutsche Website an andere Zielgruppen als das Angebot auf Chinesisch. Zu den Punkten, die der Deutschlandfunk genannt hat, könnten wir nun in einen Übersetzerstreit eintreten. Da gibt es nämlich ganz unterschiedliche Resultate. Und da gibt es – beim Deutschlandfunk – Weglassungen. Da wird etwa ein Mitglied der Linkspartei zitiert, das den Dalai Lama mit Khomeini verglich. Dazu ist bei uns von einem unglücklichen“ Vergleich die Rede, was auch so verstanden werden kann, dass es unglücklich sei, sich in Deutschland negativ zum Dalai Lama zu äußern. Dass es sich hier um ein Zitat handelt, ist beim Deutschlandfunk unterschlagen worden. In den anderen Fällen verhält es sich ähnlich. Da muss man schon unsere Website insgesamt betrachten. Uns geht es darum, die Pluralität der Information sicherzustellen. Und diese ist sichergestellt. Journalistisch gesehen, stelle ich fest: Dass die chinesische Sprache Begrifflichkeiten kennt, die mehrdeutig sind, muss bei der Übersetzung zum Tragen kommen. Das muss man gewichten, und da können wir noch besser werden. Aber den generellen Vorwurf, wir seien der verlängerte Arm der chinesischen KP, den weise ich entschieden zurück.
Dann hat der Deutschlandfunk falsch übersetzt?
Den generellen Vorwurf hat der Deutschlandfunk nicht belegen können. Die Behauptungen sind falsch, oder es gibt unterschiedliche Interpretationen bestimmter Begriffe. Was konkrete Belege betrifft, geht es zum Beispiel um eine Presseschau, in dieser wurde der nepalische Ministerpräsident zitiert, der mit Blick auf Tibet von Konterrevolutionären“ gesprochen hat. In diesem Fall kommt es darauf an, ob wir nur seine Stimme aus der Presse zitieren oder auch andere. Wir haben auch andere zitiert. Die konkreten Punkte, die der Deutschlandfunk genannt hat, waren aus dem Zusammenhang gerissen und einseitig übersetzt. Das habe ich dem Intendanten des Deutschlandfunks auch mitgeteilt. Abgesehen davon akzeptiere ich nicht, dass die familiäre Herkunft von Mitarbeitern dazu dienen soll, sie zu brandmarken. Wenn der Vater einer Mitarbeiterin der Deutschen Welle bei der chinesischen Botschaft gearbeitet hat, darf ihr das nicht zum Nachteil gereichen. Vor allem dann, wenn diese Mitarbeiterin aufgrund der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste auf dem Platz des himmlischen Friedens ihrem Land den Rücken gekehrt hat. Da wird durch verwandtschaftliche Beziehungen insinuiert, jemand wirke bei uns als U-Boot. Das ist journalistisch untragbar.
Wer hat denn für Sie die angegriffenen Beiträge aus dem Chinesischen übersetzt?
Ein unabhängiges vereidigtes Übersetzerbüro in Köln.
Doch erinnern wir uns an den Auslöser der Debatte: Ihre stellvertretende Redaktionsleiterin Zhang Danhong hat bei einem Interview gesagt, die chinesische KP habe vielleicht mehr für die Menschenrechte getan als manch andere Organisation.
Es ist nicht in Ordnung gewesen, wie sie es formuliert hat. Daraufhin habe ich gesagt, dass sie bis zur Klärung der Angelegenheit von der Arbeit am Mikrofon entbunden wird und zunächst nicht mehr in der Öffentlichkeit auftritt. Ich habe mich vergewissert, dass solche Aussagen nicht bei uns im Programm gelaufen sind. Da gab es die Protestbriefe übrigens noch nicht. Die Kritik am Auftritt von Frau Zhang finde ich berechtigt. Sie hat mir gegenüber erklärt, dass dies falsch war. Damit ist die Sache für mich geklärt. Das Vertrauensverhältnis ist dadurch beschädigt worden, deshalb habe ich Frau Zhang aus ihrer verantwortlichen Position als stellvertretende Redaktionsleiterin herausgenommen. Jetzt können wir das Vertrauen wieder aufbauen.
Aber was ist mit der Kritik der chinesischen Dissidenten, die Ihnen zumindest Leisetreterei vorwerfen?
Was die Dissidenten angeht, will ich Ihnen nur sagen, dass der renommierteste Dissident, Wei Jingsheng in Washington, unsere Website mit seiner eigenen verlinkt hatte. Das geschah im Juli, sechs Tage bevor es den auch von mir kritisierten Auftritt unserer Mitarbeiterin Zhang Danhong im Deutschlandfunk gab. Unsere chinesische Hörfunkredaktion hat vor zwei Jahren ein Schreiben des Dalai Lama erhalten, in dem er sich für unsere Bemühungen um die Demokratie in China bedankt. Glauben Sie, dass sich unser Programm binnen zwei Jahren ins Gegenteil verkehrt hat? Glauben das die Dissidenten, die uns kritisieren, wirklich? Wissen alle Mitglieder des Autorenkreises, worum es im Kern geht? Mir geht es um eine plurale Information auf der Basis unseres Wertekanons. Vielleicht erwarten manche Dissidenten, dass wir die Regierung in Peking jeden Morgen in Grund und Boden verdammen. Dass es sich um ein unfreies Regime handelt, ist selbstverständlich. Ich muss in unserem Programm aber differenziert und in aller Breite abbilden, was sich im Land tut und was andere über China denken. Und dabei stellen sie – unter anderem – fest, dass die kritischen Geister in China etwa zu Tibet ganz andere Meinungen vertreten als die Exilchinesen. Im Augenblick sind unsere Internetseiten in China wieder gesperrt. Das waren sie auch bis acht Tage vor dem Beginn der Olympischen Spiele. Seit vierzehn Tagen wird auch unser Radioprogramm gestört. Das spricht Bände. Zu behaupten, wir seien das beliebteste internationale Organ der chinesischen KP, ist ungeheuerlich. Über journalistische Qualitätsfragen diskutiere ich gerne, mit ideologischen Vorwürfen kommen wir nicht weiter.
Das Gespräch führte Michael Hanfeld.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa