Sonntag, 23. November 2008, 19:01:01 Uhr, NZZ Online
gho. Moskau, 7. Oktober
Der 7. Oktober hat in Russland zweierlei Bedeutung. Zum einen feiert der derzeitige russische Ministerpräsident Wladimir Putin an diesem Tag Geburtstag. Zum anderen ist es auch der Todestag der russischen Journalistin Anna Politkowskaja. Vor zwei Jahren war die Kreml-Kritikerin Politkowskaja im Apartmenthaus, in dem sie wohnte, erschossen worden. An einer Gedenkkundgebung in Moskau, an der laut Organisatoren bis zu 350 Personen teilgenommen haben, forderten der Oppositionelle Garry Kasparow und Dmitri Muratow, der Chefredaktor der Zeitung «Nowaja Gaseta», den Mordfall restlos aufzuklären. Politkowskaja hatte für «Nowaja Gaseta» geschrieben. Obwohl der Mörder immer noch nicht gefasst ist und die Drahtzieher des Mordkomplotts unbekannt sind, geben sich die russischen Behörden zuversichtlich, den Fall bald zu den Akten legen zu können.
Die russische Generalstaatsanwaltschaft hatte am 2. Oktober Anklage gegen drei Verdächtige eingereicht. Unter ihnen befindet sich aber nicht der mutmassliche Mörder. Der aus Tschetschenien stammende Rustam Machmudow, der laut den russischen Behörden den tödlichen Schuss abgefeuert hat, ist flüchtig. Er soll sich in Westeuropa aufhalten, heisst es. Zwei Brüder von Rustam und ein weiterer Tschetschene, der als Organisator gilt, müssen sich vor dem Richter verantworten. Chefermittler Petros Garibjan gab in einem Interview mit «Nowaja Gaseta» an, dass die Tat offenbar bis ins Detail geplant gewesen sei. Es sei aber klar, dass die Täter nicht aus eigenem Antrieb gehandelt hätten. Wer hinter dem Mord an der Journalistin stecken könnte, liessen die Ermittler offen. Der Kreis der Verdächtigen umfasse aber nur drei bis vier Personen. Krude Vermutungen zu den Verdächtigen äusserte die regierungstreue Zeitung «Iswestija»: Sehr wahrscheinlich seien dies innere oder äussere Feinde Russlands und des russischen Präsidenten, die mit dem Mord das Bild Russlands in der Welt diskreditieren wollten. Die These, dass Politkowskaja aufgrund ihrer Artikel, in denen sie scharf die Menschenrechtslage in Tschetschenien und die Politik des Kremls kritisierte, umgebracht worden ist, sei die am wenigsten wahrscheinliche.
Der Prozess soll am 15. Oktober beginnen, wird aber nicht öffentlich sein. Weil auch Pawel Rjagusow, ein ehemaliger Mitarbeiter des Inlandgeheimdiensts FSB, angeklagt ist und damit Akten als «geheim» eingestuft werden, wird der Fall an einem Moskauer Militärgericht verhandelt. Die Ermittler konnten Rjagusow – angeblich – keine Beteiligung an der Ermordung von Politkowskaja nachweisen, er steht «nur» wegen Amtsmissbrauchs und Erpressung vor Gericht.
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