Die Hamburger Journalistin Susanne Fischer hat mehrere Jahre im Irak verbracht und dort Journalisten ausgebildet. Gestern Abend hat sie für ihr Engagement den Leipziger Medienpreis erhalten, der in diesem Jahr zum achten Mal vergeben wurde. Mit der Auszeichnung will Leipzig an die Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 erinnern, auf der mehr als 70 000 Menschen friedlich unter anderem für die Pressefreiheit auf die Straße gingen. Neben Fischer erhielten der britische Fernseh-Reporter Alan Johnston, der im Frühjahr 2007 von Islamisten verschleppt und nach 114 Tagen wieder freigelassen worden war, und der burmesische Journalist und Schriftsteller Win Tin für seinen Kampf für Demokratie den Preis.
Frau Fischer, Sie haben den Leipziger Medienpreis bekommen für Ihre fünfjährige Aufbauarbeit im Irak. Wie kam es dazu, dass Sie so lange dort geblieben sind?
Als ich 2003 mit dem Auto nach Bagdad fuhr, wollte ich drei Monate lang für deutsche Zeitungen berichten. Ich hätte nie gedacht, dass ich so lange bleibe. Es war eine intensive Zeit. Ich habe mutige und beeindruckende Menschen kennen gelernt.
Ab 2005 haben Sie für die Nichtregierungsorganisation IWPR (Institute for War and Peace Reporting) junge Journalisten ausgebildet. Wie war die Ausgangslage?
Bis 2003 wurde die staatliche Presse streng zensiert. Nach dem Sturz Husseins hat sich das schlagartig geändert. Zeitungen wurden gegründet. Davon sind viele wieder aus wirtschaftlichen Gründen eingegangen. Die jungen Leute, die zu uns kamen, kannten keine freie Presselandschaft. Sie sind mit staatlich zensierten Medien aufgewachsen. Wir haben ganz klein angefangen das Handwerk zu vermitteln mit Recherche, Aufklärung über Informationsrechte und -pflichten und Nachrichtenschreiben.
Wer hat Ihnen geholfen?
Unterstützt wurde das IWPR von der britischen Regierung, später auch durch Spendengelder von US-Stiftungen. Ich habe viele ausländische Kollegen für Workshops gewinnen können.
Welche Bilanz ziehen Sie nach fünf Jahren im Irak?
Es gibt im Irak eine funktionierende Presse und viel mehr professionelle Journalisten. Ich denke, es wird nicht mehr so leicht möglich sein, die komplette Pressefreiheit einzuschränken. Aber die Journalisten zahlen einen sehr hohen Preis für Pressefreiheit. Mehr als 200 Kollegen sind in den letzten Jahren im Irak umgekommen. Jeder irakische Journalist setzt sein Leben aufs Spiel. Wir haben in Seminaren 300 junge Journalisten ausgebildet. Vier meiner Schüler sind getötet worden, Dutzende haben Drohungen erhalten. Einige mussten untertauchen oder sich in Nachbarländern in Sicherheit bringen. Die Medienschaffenden stehen stark unter dem Gewalteinfluss von terroristischen Gruppen.
Was bewegt sie, trotzdem diesen Beruf weiter auszuüben?
Mir haben die jungen Leute oft gesagt: Wenn wir jetzt aufhören, dann haben die gewonnen, die die Gewalt ausüben. Das wollen sie sich nicht gefallen lassen. In gewisser Weise können wir deutschen Journalisten viel von dieser Einstellung lernen.
Wie meinen Sie das?
Wir vergessen manchmal die Ursprünge unseres Berufs: Neugier, die Pflicht aufzuklären und die Bürger zu informieren. Es gibt bei uns Tausende Zeitungen und Zeitschriften. Man hat oft das Gefühl, dass ein einzelner Bericht nicht so bedeutend ist. Journalist zu sein ist kein Luxusberuf, sondern ist mit politischer Funktion verbunden. Das Interesse deutscher Medien am Irak hat stark nachgelassen. Dabei ist noch nicht entschieden, in welche Richtung sich das Land entwickeln wird. Ich möchte deshalb die deutschen Medien überzeugen, den Irak nicht aus dem Blick zu verlieren.
Seit Mai dieses Jahres bilden Sie in Syrien Journalisten aus. Welche Unterschiede können Sie zum Irak feststellen?
Die Sicherheitslage ist anders. Ich kann mich freier bewegen ohne ständige Gefahr durch Terroristen. In Syrien gibt es private Medien und Internetangebote, auch Wirtschaftsmagazine. Man kann Geschichten lesen, die man früher in der staatlichen Presse nicht finden konnte. Es gibt in Syrien aber andere Schwierigkeiten, mit denen ich zu kämpfen habe, zum Beispiel mit Behörden. Es ist schwer zu durchschauen, was die autoritäre Regierung beabsichtigt. Ich werte es jedoch als gutes Zeichen, dass wir in dem Land Journalisten ausbilden können.
Das Gespräch führte Kathrin König.
------------------------------
Foto: Ein kurdisches TV-Team befragt Passanten: Nach Saddams Sturz erkämpften sich irakische Medien mehr Freiheit.
Foto: Susanne Fischer arbeitet jetzt in Syrien.