Donnerstag, 08. Januar 2009, 19:47:49 Uhr, NZZ Online
TS. Als Seth Lipsky, der Chefredaktor der «New York Sun», am Montag seinen Mitarbeitern das Ende der Tageszeitung verkündete, herrschte wenige Schritte entfernt an der Wall Street eine depressive Stimmung. Lipsky hatte in den vergangenen Wochen mit potenziellen Geldgebern verhandelt, allerdings erfolglos. In der Finanzkrise wollte niemand ins konservative Blatt investieren.
Die «New York Sun» war Lipskys Projekt. Sie wurde 1833 gegründet, 1950 eingestellt und im April 2002 von Lipsky wiederbelebt. Der ehemalige Kommentator des «Wall Street Journal» war ab 1990 Chefredaktor der englischsprachigen jüdischen Zeitung «Forward» gewesen. Zu seinen Geldgebern zählten konservative New Yorker Juden, darunter Michael Steinhart, Vorstand der Universität von Tel Aviv, und Roger Hertog vom Manhattan Institute. Bis 2003 war auch Conrad Black engagiert, einst Verleger der «Jerusalem Post» und des Londoner «Telegraph».
Die Zeitung kämpfte gegen alle Feinde Israels, wozu sie die Vereinten Nationen genauso zählte wie die «New York Times», die Lipsky und seinen Geldgebern zu liberal war. Mit 100 Mitarbeitern, darunter 15 Reportern, und 14 000 Exemplaren verkaufter Auflage (bis zu 96 000 Exemplare wurden kostenlos verteilt) konnte sie aber – mit Ausnahme des Kreuzworträtsels – nicht wirklich mit ihr konkurrieren. Den Beginn des Irak-Kriegs feierte die «Sun» angeblich mit Champagner. Später empfahl sie, Kritiker des Irak-Kriegs vor Gericht zu stellen.
Vor zwei Jahren sagte Lipsky, die Zeitung verliere monatlich eine Million Dollar. Am 4. September kündigte er seinen Lesern an, die «Sun» werde im Oktober nicht mehr erscheinen, wenn man keine neuen Geldgeber finde. Leser schickten Checks über 100 oder 200 Dollar. Lipsky aber benötigte einen mehrstelligen Millionenbetrag. Es sei seit 2002 schon oft finanziell eng gewesen, aber noch nie so eng wie jetzt, sagte Lipsky der «New York Times».
Einem Lokalchef der (alten) «Sun» wird der zeitlos gültige Leitsatz: Wenn ein Hund einen Mann beisse, sei das keine Nachricht, zugesprochen. Wohl aber, wenn ein Mann einen Hund beisse. Man kann sich also fragen, ob die Einstellung der «Sun» wirklich eine Nachricht ist. In Zeiten der Finanzkrise, schrieb die «Sun», sei es «eine logische Entscheidung».
Leser-Kommentare: 0 Beiträge