02. Oktober 2008 Der Hessische Rundfunk hat Grund zu feiern. Sechzig Jahre wird der Sender heute alt, das Gründungsdatum vom 2. Oktober 1948 macht sich an der Verabschiedung des Gesetzes über den Hessischen Rundfunk fest, das der Landtag damals verabschiedete. Doch nach Feiern sollte an der Frankfurter Bertramswiese niemandem zumute sein, denn der Sender steht schlechter da denn je. Das Zeugnis zum Tage hat dem HR der Vorsitzende Richter Christopher Erhard vom Frankfurter Landgericht ausgestellt. Man hätte Herrn Dr. Emig besser kontrollieren können und müssen, sagte er bei der Verkündung des Urteils gegen den ehemaligen Sportchefs des Hessischen Rundfunks, Jürgen Emig. Emig muss wegen Untreue und Bestechlichkeit für zwei Jahre und acht Monate ins Gefängnis. Über einen Zeitraum von fünf Jahren hinweg hatte er, wie das Gericht festhält, 440.000 Euro in die eigene Tasche gewirtschaftet, dabei sei ein Schaden von mindestens 285.000 Euro für den HR entstanden.
Offiziell ist die kriminelle und für den Sender mehr als peinliche Geschichte damit erledigt, es steht allerdings noch ein letzter Prozess vor dem Arbeitsgericht um Emigs Kündigung aus. Dem Intendanten des HR, Helmut Reitze, ist die Erleichterung in seiner Presseerklärung anzumerken. Sein Sender, heißt es da, sehe sich durch das Urteil in seiner Auffassung bestätigt. Das Landgericht hat klargestellt, der HR war Opfer, nicht Täter, es handelt sich um ein 'System Emig‘, von einem ,System HR‘ kann keine Rede sein, sagte Reitze. Emig habe durch sein Fehlverhalten dem HR und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk insgesamt großen Schaden zugefügt. Wer gegenüber Veranstaltern und Sponsoren so tut, als gehe es ihm um den Programmauftrag, dabei aber Geld in die eigene Tasche steckt, der verkauft die Rundfunkfreiheit. Für dieses kriminelle Verhalten muss Jürgen Emig nun mit einer Gefängnisstrafe büßen.
Mehr als deutlich: Es gab keine wirksame Kontrolle im Sender
Die Entscheidung des Landgerichts Frankfurt mache deutlich, dass das Vergehen eines Einzelnen bestraft werde. Mit erheblicher Energie habe Jürgen Emig seine Verstöße gegen Vorschriften des hr über Jahre hinweg geschickt verschleiert. Das Landgericht ist den Versuchen Emigs nicht gefolgt, die Verantwortung für seine Taten auf andere im HR abzuschieben, so Reitze. Die SMP sei nach den Worten des Richters keineswegs - wie von Emig behauptet - eine schwarze Kasse des HR gewesen, sondern eine von Emig. Auch viele andere Vorwürfe Emigs habe das Gericht als unplausibel bezeichnet. So habe der Richter wörtlich bestätigt, dass der HR sehenden Auges keine Schleichwerbung geduldet hat. Auch dies habe Emig eigenmächtig betrieben.
Mit dieser Erklärung des Intendanten Reitze, die wohl als Fingerzeig auch für die Berichterstattung in eigener Sache dienen dürfte, werden die Dinge allerdings einseitig gewichtet und die Tatsachen verschleiert. Denn das Gericht fand in der Tat zwar keine Anzeichen für ein System HR, will heißen, für eine stillschweigende Duldung oder gar Förderung von Emigs Schmiergeschäften. Doch ist im Laufe der Verhandlungen mehr als deutlich geworden, dass es eine wirksame Kontrolle im Sender nicht gab. Zwar verweist der Intendant Reitze zurecht darauf, dass es Beistellungen seit 2004 nicht mehr gebe. Aber bis dahin hätte ohne dieses System der Beistellungen, also Geldzahlungen derjenigen, über deren Veranstaltungen im Hessischen Rundfunk berichtet wurde, Emig sein Korruptionsgeflecht gar nicht erst aufziehen können.
Verstoß gegen den Kerngedanken des öffentlich-rechtlichen Rundfunks
Dass er Gelder von Dritten zuhauf aquirierte, hat im Sender über alle die Jahre nicht nur niemanden gestört, Emig wurde darin von dem früheren Intendanten Klaus Berg ermutigt und für seine Leistungen sogar belobigt. Kein Wunder: Der offizielle Jahres-Sportetat des HR war ja auch nach wenigen Monaten jeweils aufgebraucht. Lange galt Emig im Sender als sakrosankt, Hinweise auf krumme Touren wurden ignoriert. Der amtierende Intendant Reitze hat Emig als Geldbeschaffer sogar noch einmal eigens aktiviert, beim DFB-Pokalspiel der Frankfurter Eintracht gegen die Offenbacher Kickers im August 2003, als Emig 220 000 Euro beibringen sollte. Der Emig macht das schon, hieß es im Sender.
Und Emig machte. Sein Fehler war, dass er einen Großteil der eingeworbenen Summen für sich behielt. Dass dieses korrumpierende System das Einfallstor für Emigs Geschäfte war, das räumt der Intendant Reitze jetzt zwar ein, verweist aber zugleich darauf, dass es rechtlich zulässig gewesen und vom Gericht nicht beanstandet worden sei. Doch verstieß dieses System vom ersten Tag an gegen den Kerngedanken des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, für den die Gebührenzahler ihren Obolus ja gerade deshalb entrichten, damit dort niemand auch nur in die Versuchung kommen muss, sich über dunkle Kanäle Geld zu beschaffen.
Wirklich wissen wollte es an den entscheidenden Stellen niemand
Und da der Grundgedanke schon falsch war, kam lange Zeit auch niemand auf die Idee, Emigs Aktionen zu überprüfen. Niemand will etwas gewusst oder gefunden haben. Der Intendant, der Programmdirektor, der Chefredakteur, der Revisor - sie alle machen sich einen schlanken Fuß. Es musste erst eine Sekretärin kommen, die aus Emigs Abteilung in die Intendanz wechselte, und Bedenken äußern, bis sich etwas tat. Und jetzt sehen sich alle als Opfer. Grotesker geht es nicht mehr.
Dass so etwas nicht nur beim HR passiert, sondern zum Beispiel auch beim Sarländischen Rundfunk, der durch gefälschte Bilanzen bei seiner inzwischen aufgelösten Tochtergesellschaft Telefunk Saar rund zwanzig Millionen Euro verloren hat, und dass die ARD vor drei Jahren rundherum von dem sogenannten Marienhof-Skandal erschüttert wurde, der umfassende Schleichwerbepraktiken offenbarte, macht die Sache nicht besser. Von der dreihunderttausend Euro schweren Abfindung für den stasi-belasteten ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf und dem mit knapp zweihunderttausend Euro pro Jahr dotierten Exklusivvertrag der ARD mit dem Radsportler Jan Ullrich ganz zu schweigen. Es zeigt sich vielmehr, dass das Prinzip Verantwortung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, namentlich im Hessischen Rundfunk, wenig gilt. Fragt man die Hierarchen des Systems hinter vorgehaltener Hand, womöglich nach dem sechsten Bier, nach derlei Geschichten, dann erst dringt die Wahrheit ans Licht: Klar haben wir etwas geahnt, vielleicht gewusst. Aber wirklich wissen wollte es an den entscheidenden Stellen im Zweifel niemand. Wenn es darauf ankommt, dann erwischt es zumeist einen allein und alle anderen sind fein raus.
Ein Sittengemälde über den Zustand des Hessischen Rundfunks
So ist der Fall Emig nicht nur die Geschichte eines gefallenen Journalisten, der in seinen glanzvollen Tagen vor Machtbewusstsein und Arroganz kaum gehen konnte. Es ist ein Sittengemälde über den Zustand des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im allgemeinen und über den Zustand des Hessischen Rundfunks im besonderen. In dessen Fernsehprogramm finden sich wenige, im Radio dafür umso mehr Glanzpunkte - denken wir nur an die Ilias. Und an dessen Spitze aber befindet sich ein Intendant, der bei seinem Amtsantritt Bewegung im ganzen Sender versprach und dann schnell abtauchte.
Am 20. April 2004 erklärte der Rundfunkrat des HR - gestützt auf die Informationen des Intendanten Reitze -, der Fall Emig sei aus Sicht des Senders abgeschlossen. Da nahm die Staatsanwaltschaft gerade erst ihre Ermittlungen auf. Die ersten verschärften Hinweise auf Emig hatte es derweil schon im Frühjahr 2003 gegeben. Am 28. Juni 2005 erst kam Emig in Untersuchunghaft. Allein die zeitliche Abfolge spricht Bände.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa