Donnerstag, 08. Januar 2009, 19:22:49 Uhr, NZZ Online
Thomas Schuler
Mehrere Monate lang sah es so aus, als würden die Mitarbeiter des «Spiegels» diesmal mit ihrem Minderheitsgesellschafter Gruner und Jahr nicht nur um die Macht in Deutschlands führendem Nachrichtenmagazin ringen, sondern auch erstmals tatsächlich klären, wer von beiden letztlich das Sagen hat: Die Mitarbeiter KG, die 50,5 Prozent am «Spiegel» besitzt? Oder Gruner und Jahr, Europas grösster Zeitschriftenverlag («Stern», «Geo»; mehrheitlich im Besitz von Bertelsmann), der mit 25,5 Prozent ein Veto in allen wichtigen verlegerischen Entscheidungen hat?
Zwei publizistische Schwergewichte, die eigentlich gemeinsam marschieren, standen sich plötzlich feindlich gegenüber. Deutschlands wichtigstes Nachrichtenmagazin sah die Unabhängigkeit durch zu viel Einfluss von Deutschlands grösstem Medienkonzern, Bertelsmann, gefährdet. Eine Sorge ist, dass Gruner und Jahr in einem allfälligen Interessenkonflikt zwischen «Stern» und «Spiegel» sich für den «Stern» entscheiden würde, dessen Gewinn vollständig zu Gruner und Jahr fliesst. «Spiegel» contra Bertelsmann: Wer würde gewinnen? Die Antwort, die die beiden Gesellschafter nun gefunden haben, lautet: Keiner von beiden kann sich alleine durchsetzen. Beide haben die Macht gemeinsam und arbeiten künftig wieder zusammen, nicht gegeneinander. Die Erben von «Spiegel»-Gründer Rudolf Augstein besitzen 24 Prozent und haben auf Entscheidungen keinen direkten Einfluss.
Vordergründig ging es beim Streit um die Frage, ob Mario Frank, 50, Geschäftsführer des «Spiegels» bleibt oder vorzeitig aus seinem Vertrag entlassen wird. Eigentlich aber ging es um die Frage der Macht im Haus, und das erstmals seit dem Tod von «Spiegel»-Gründer Rudolf Augstein. Die Mitarbeiter hatten Frank 2007 geholt, um mit seiner Hilfe den journalistisch und handwerklich versierten, aber arrogant und selbstherrlich auftretenden Chefredaktor Stefan Aust loszuwerden. Franks Vorgänger stand Aust zu nahe, als dass er sich gegen ihn gestellt hätte. Frank erfüllte den Mitarbeitern ihren Wunsch und suchte einen Nachfolger für die Chefredaktion; Aust musste gehen. Die Nachfolger, Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron, bringen einen neuen Ton ins Blatt. Am Montag druckten sie erstmals eine Korrekturspalte. Unter Aust und seinen Vorgängern war es undenkbar gewesen, dass der «Spiegel» offen zugegeben hätte, trotz seiner legendären Dokumentation fehlbar zu sein.
Austs Rauswurf, der den «Spiegel» viel Geld kostete, stärkte kurzzeitig Franks Position. Im April aber beschlossen die Mitarbeiter, dass Frank ebenfalls seinen Posten aufgeben und das Unternehmen verlassen müsse. Er verstehe die Kultur des «Spiegels» nicht, wurde ihm vorgeworfen, und er agiere zu selbstherrlich. Ausserdem vertrete er mehr die Interessen von Gruner und Jahr, wo er fast sein ganzes Berufsleben verbracht hatte, als die Interessen der Mitarbeiter KG. Begründet wurde der Vorwurf der mangelnden Loyalität mit seinem Versuch, einen Teil der zu Gruner und Jahr gehörenden Zeitung «Financial Times Deutschland» zu kaufen. Im «Spiegel» sah man das als Versuch, dem «Spiegel» einen Teil der Kosten der Zeitung aufzubürden, ohne damit Gewinne zu machen.
Gruner und Jahr benutzte daraufhin erstmals offen sein Veto, um sich gegen die Forderung der Mitarbeiter zu stellen. Gruner-und-Jahr-Chef Bernd Kundrun sagte: «Der <Spiegel> ist unter der Leitung von Mario Frank im Verbund mit der neuen Chefredaktion sehr erfolgreich. Die Frage nach einem Wechsel in der Geschäftsführung des <Spiegels> stellt sich für Gruner und Jahr daher nicht.» Frank gab sich kämpferisch und liess verbreiten, er werde seinen Fünfjahresvertrag notfalls gegen den Willen der Mitarbeiter bis Ende 2011 erfüllen, dann eben ohne enge Abstimmung mit den Mitarbeitern. Aber sein Wille war nicht ausschlaggebend. Zunächst einigten sich die Gesellschafter, dass Frank den «Spiegel» Ende Jahr verlassen wird; Nachfolger wird der 47-jährige Ove Saffe. Er soll seine neue Position nun bereits am 15. September antreten.
Saffe kommt wie Frank von Gruner und Jahr, wo er zuletzt für die Stern-Gruppe («Stern», «Geo», «Art») verantwortlich war. Anders als Frank hat Saffe aber auch andern Medienunternehmen gedient. Er begann beim Heinrich-Bauer-Verlag, wechselte zum Jahreszeitenverlag; von 1996 an war er stellvertretender Anzeigen-, später Vertriebsleiter beim «Spiegel». 2000 ging er zu Gruner und Jahr und wirkte beim Berliner Verlag. Saffe kennt also beide Häuser und wird als Diener beider Herren wahrgenommen. Seine Berufung ist ein Kompromiss, mit dem beide Seiten aus der Auseinandersetzung gehen können, ohne sich als Verlierer zu fühlen. Die Absetzung von Frank ist ein Sieg der Mitarbeiter; die Nachfolge durch Saffe ist ein Kompromiss, der Gruner und Jahr die Niederlage versüssen und die Zusammenarbeit wieder ermöglichen soll. Armin Mahler, Sprecher der Mitarbeiter KG, sagte: «Wir sind froh über diese schnelle Lösung und freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Ove Saffe.»
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