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Datum und Zeit: 20.11.2008 - 19:26


04.09.2008    12:33 Uhr Drucken  |  Versenden  |  Kontakt
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Junge Journalisten in Europa

Angst vorm eigenen Schatten

Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen: Für Journalisten in Georgien oder Weißrussland ist das keine Option. Auf sueddeutsche.de schildern sie ihren Kampf für die Pressefreiheit.
Übersetzt von Sarah Stendel

Jugend Medien Workshop 2008
Die Teilnehmer des Jugend Medien Workshops 2008 bei der Arbeit.
Foto: Sabine Sasse
 

Wie kann ein Radio-Moderator in Georgien seine politische Meinung ungestraft öffentlich kundgeben? Was kann eine Reporterin aus der Ukraine gegen Bestechungsvorwürfe tun? Und mit welchen Herausforderungen sieht sich eine junge Journalistin in Italien konfrontiert?

Rund 70 Nachwuchsjournalisten aus 21 europäischen Ländern sind der Frage nachgegegangen, was es in ihrem Land bedeutet, Journalist zu sein. Die Verfasser der besten 20 Beiträge wurden eingeladen, an einem Workshop des europäischen Medienforums M100 Sanssouci Colloquium in Potsdam teilzunehmen. Die jungen Journalisten sollen international vernetzt und in ihrer Arbeit unterstützt werden.

Ein Wochenende lang diskutierten die Teilnehmer untereinander und mit deutschen Medienvertretern über die Zukunft des Journalismus. Dass diese in den unterschiedlichen Ländern immer die gleiche Basis braucht, machen die Wettbewerbseinsendungen deutlich: Die Presse muss frei sein. Wir dokumentieren Ausschnitte der Beiträge aus Georgien, Italien, Weißrussland, Armenien und der Ukraine: "Was es bedeutet, in meinem Land Journalist zu sein."

Los geht es mit dem Beitrag von Nika Chalatashvili aus Georgien ...


Südossetien, Zeitung
vergrößern Frauen in Südossetien lesen die Nachricht von der Anerkennung als eigenständiger Staat in einer russischen Zeitung.
Foto: AFP
 

Nika Chalatashvili
26 Jahre
Tiflis, Georgien

Ich weiß nicht, ob ich mich "Journalist" nennen würde. Ich weiß noch nicht mal, wen man in meinem Land so nennen könnte. Ich habe immer gedacht, dass ein Journalist das sagt, was er sieht und wie er es sieht und nicht, was ihm befohlen wird zu sagen. Aber meine neuesten Erfahrungen haben mir gezeigt, dass man nur jemandem nach dem Mund reden muss, um ein erfolgreicher Journalist zu sein.

In meinem Land Journalist zu sein, bedeutet im Moment, sehr mutig, kampfbereit und darauf gefasst zu sein, alleine dazustehen. Am 7. November 2007 sah ich im Fernsehen Bilder aus den Straßen von Tiflis, der Hauptstadt Georgiens. Die Menschen rannten wild durcheinander und waren nass und verängstigt, dazu geschlagen und vergiftet worden. Und das alles, weil die Regierung mit einer friedlichen Demonstration nicht einverstanden war und zeigen wollte, dass man auch im Namen der Demokratie Gewalt ausüben kann.

Von diesem Tag an war mir klar, dass ich nicht mehr untätig in meinem warmen Radio-Studio sitzen und mit einem Lächeln im Gesicht meinen Zuhörern leichte, klassische Musik vorspielen konnte. Ich habe mit vielen Leuten gesprochen und fand heraus, dass die Menschen die Vorkommnisse oft gar nicht als gewalttätig empfanden, sondern vielmehr dachten, dass es so besser für uns sei.

Mir wurde klar, dass wir alle dabei waren, in einem riesigen Sumpf von Konformismus zu ertrinken. All die Leute, die früher immer rebellisch gewesen waren und gegen das sowjetische Regime und viele, viele andere Eroberer davor gekämpft hatten, gaben einfach so auf und merkten nicht einmal, wie die Meinungsfreiheit irgendwohin verschwand. Und das Fernsehen berichtete einfach nicht von den Protesten, die es schließlich auch gab. Deshalb weiß ich nicht mehr, wer jetzt ein Journalist ist und wer einfach nur verängstigt ist, aber ein Journalismus-Diplom hat.

In meiner neuen Radio-Show versuche ich, ernste Themen humorvoll zu verpacken. Ich versuche, mit meinen Witzen zu zeigen, wie blind wir sind, wenn wir etwas so Deutliches nicht sehen. Und ich versuche den Leuten zu sagen, dass es keinen Sinn gemacht hat, von der Sowjetunion wegzurennen, wenn wir jetzt ohne Entscheidungsfreiheit und ohne Selbstrespekt leben.

Das Volk sollte keine Angst vor der Regierung haben, sondern die Regierung vorm Volk. Und ich kämpfe dafür so gut ich kann.

Ich hatte schon eine Verwarnung von oberster Stelle, dass ich ruhig sein solle und meine Wörter vorsichtiger auswählen müsse, wenn ich von der Regierung spreche. Das bedeutet für mich, dass ich anscheinend die Wahrheit sage, die nicht immer schön ist. Und genau das ist es, was meiner Meinung nach ein Journalist tun sollte.

Ihr fragt mich, was man tun muss, um in meinem Land Journalist zu sein? Die Antwort ist, dass man ehrlich sein muss. Es gibt momentan keine höheren Anforderungen.

Auf der nächsten Seite lesen Sie, wie Michela Zingone die Situation in Italien beschreibt ...


Silvio Berlusconi, AP
Geballte Medienmacht: Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi gehört die private Konkurrenz des staatlichen Fernsehens. Einseitige Berichterstattung nicht ausgeschlossen.
Foto: AP
 

Michela Zingone
25 Jahre
Nissoria, Sizilien, Italien

In meinem Land ist der Journalismus komplex. Es gibt nämlich viele bekannte Zeitungen, die untereinander konkurrieren. Sie sind eigentlich ein Spiegel der jeweiligen verschiedenen politischen Ideologien.

Ich finde, es ist nicht leicht, heutzutage in Italien ein Journalist zu sein. Denn es herrscht ein ständiger Vergleich mit der politischen Gesellschaft, die so tut, als würde sie Informationen kontrollieren. Man könnte vielleicht sagen, dass in Italien nicht die totale Meinungsfreiheit herrscht. Deshalb muss ein Journalist in der Lage sein, Fakten und Meinungen strikt zu trennen. Man muss dem Leser ermöglichen, sich seine eigene Meinung zu bilden.

Als Journalist hat man schon in dem Moment eine große Verantwortung, in dem man die Nachrichten auswählt. Heutzutage sehe ich manchmal Fernsehnachrichten, die aktuelle Themen mit viel Übertreibung senden. Es scheint, als ob sie eher wirtschaftlichen Interessen nachgehen, anstatt sozialen oder dem Allgemeinwohl.

Es ist schwierig, die richtigen Grenzen zwischen politischen Interessen und dem Recht der Bürger auf Information zu ziehen. Deshalb ist es gerade jetzt wichtig, dass man als Journalist nach diesen Grenzen sucht und sich dabei an Werten wie Objektivität, Wahrheit, Fairness und Genauigkeit orientiert. In Italien und auch in anderen Teilen Europas ist die Grundmaxime folgende: Respekt für den Leser und sein Recht auf korrekte und vollständige Information zu wahren.

Weiter mit einem interessanten Beitrag aus Weißrussland ...


Narodnaja Wolja, dpa
vergrößern Titelseite der "Narodnaja Wolja" nach den Präsidentschaftswahlen 2001: Staatliche Zensur zwang die oppositionelle Zeitung, einen Artikel als weißen Fleck abzudrucken.
Foto: dpa
 

Christina Karchevskaya
22 Jahre
Homel, Weißrussland

In Weißrussland ist es schwierig, zufrieden, kreativ und unabhängig zu leben. Man muss hier immer sehr vorsichtig sein, sonst könnte man Ärger mit der Arbeit oder der Universität bekommen, man könnte sogar bestraft und ins Gefängnis gesteckt werden. Wofür? Es ist der Preis, den wir hier für Rede- und Gedankenfreiheit zahlen.

Man kann es sich natürlich aussuchen: Entweder man versteckt sich jeden Tag vor sich selbst, seinen eigenen Gedanken und hat Angst vor seinem eigenen Schatten oder man geht aufrecht, ohne Angst wegen seiner "falschen" Weltanschauung.

Als Journalist in Weißrussland muss man über einen sehr mutigen Charakter verfügen, Führungsfähigkeiten entwickelt haben, einen Sinn für die Realität gepaart mit einem Sinn für Humor zeigen und Wissen in den verschiedensten Gebieten, besonders in Psychologie, vorweisen. Ansonsten wird man mit Sicherheit zu einem kleinen Rädchen in der Maschinerie, die man Regierung nennt.

Wir haben viele solcher sogenannten Journalisten, die ihr Journalismus-Diplom in der Tasche haben. Aber was bringt das schon, wenn sie nicht ehrlich sind? Nichts. Aber Gott sei Dank haben wir viele mutige und engagierte Leute, die keine Angst haben, ihre Freiheit und ihr ruhiges Leben zu opfern, nur um wirklich Journalist genannt werden zu können.

Sie schreiben Artikel für verbotene Zeitschriften und Websites und sie machen Videos und Animationen für einen verbotenen, unabhängigen weißrussischen Sender (der sein Programm aus Polen bezieht). Viele von ihnen wurden vom (Anm. d. Red.: weißrussischen Geheimdienst) KGB und der Polizei verfolgt, manche haben ihre offizielle Arbeitsstelle verloren, andere wurden ins Gefängnis gesteckt. Aber diese Menschen existieren noch immer!

Journalismus in Weißrussland ist wie eine wilde Jagd: man weiß nie, ob man zurückkommt von einer politischen Kundgebung, also nimmt man besser eine Zahnbürste und ein Extra-Paar Socken mit, denn am nächsten Morgen wacht man vielleicht im Gefängnis auf. Oder mit einer zerstörten Kamera. Oder im Krankenhaus mit einer gebrochenen Hand.

Kommt ganz darauf an, welche Wahrheit man den Menschen hinterher zeigen will.

Auf der nächsten Seite beschreibt Azniv Andreasyan den Journalismus in Armenien ...


Berg Ararat, AP
Der Berg Ararat an der armenisch-türkischen Grenze. Er ist das Nationalsymbol der Armenier, obwohl er in der Türkei liegt.
Foto: AP
 

Azniv Andreasyan
23 Jahre
Armenien

In Armenien steckt der Journalismus noch in den Kinderschuhen. Wir haben erst seit acht Jahren eine Fakultät für Journalismus an der staatlichen Universität von Eriwan. Davor gab es nur ein journalistisches Institut an der philosophischen Fakultät und dort wurden, zumindest erzählt es die ältere Generation von Journalisten so, nur die zugelassen, die hübsch anzusehen waren und sich deshalb gut im Fernsehen machen würden.

Das nächste Problem ist, dass das sowjetische Regime eine Generation hinterlassen hat, die das Wort Redefreiheit sozusagen kaum versteht. Und das sind meist Leute, die Macht haben und immer noch versuchen eine Art Zensur auszuüben.

Viele der einfachen Bürger in Armenien glauben nicht daran, dass man ungestraft öffentliche Personen oder die Regierung kritisieren könnte. Manchmal scheint es fast, als hätten die Menschen Angst davor, mehr zu wissen, weil sie sich einfach an das Fehlen von Informationen gewöhnt haben und nicht mehr verlangen.

In einem Land, in dem die Menschen nichts von ihren eigenen Problemen hören wollen, zweifelt man an der Möglichkeit einer Demokratie.
In Armenien Journalist zu sein, bedeutet also auch, mit alten Klischees zu brechen und eine Nachfrage nach Information zu schaffen.

Weiter mit dem Text von Nadezhda Shkarina aus der Ukraine ...


Wiktor Juschtschenko, AP
Die Orangefarbene Revolution 2004: Viktor Juschtschenko spricht in Kiew zu Anhängern. Der ukrainische Präsident steht für eine westlich geprägte Orientierung.
Foto: AP
 

Nadezhda Shkarina
24 Jahre
Sewastopol, Ukraine

Viele Medien in der Ukraine stehen bis zum heutigen Tag unter dem großen Druck der Geschäftsführer und Verleger, die die Journalisten und Redakteure dazu bringen, sich einseitige/voreingenommene/unechte Geschichten auszudenken, die den Besitzern werbetechnisch oder politisch nützen könnten.

Anders als in der totalitären Sowjetunion, wo die Regierung den Medien ihre Richtlinien vorgab, haben wir jetzt eine Oligarchie, die die ukrainischen Medien außer Kraft setzt. Journalisten und Redakteure werden von den Geschäftsführern gefeuert, weil sie sich weigern, das Berufsethos zu brechen. Es gab dieses Jahr mehrere Fälle von verdächtigen Stellenwechseln. Anfang April wurde der Chefredakteur der Zeitung, bei der ich arbeite, entlassen. Er gibt an, gefeuert worden zu sein, weil er sich weigerte, gesponserte Artikel zu veröffentlichen und objektive Artikel zu zensieren.

Mein einziger Schutz vor Herausgebern, die versuchen, journalistische Arbeit zu beeinflussen, ist mein eigener Blog, wo ich all meine Artikel in der Original-Version veröffentliche. Dadurch bin ich in der Lage, die Änderungen der Redakteure für die Zeitungsausgabe anzugeben und meinen Lesern das Original zu zeigen.


In der Ukraine Journalist zu sein, bedeutet auch, den Menschen zu helfen, die Informationsflut zu bewältigen, damit sie unterscheiden können, was wichtig ist und was nicht. Denn für unerfahrene Internet-User, die in der ukrainischen Bevölkerung ungefähr 92 Prozent ausmachen, bedeuten mehr Quellen und Optionen gleichzeitig mehr Chaos und Verwirrung.

Als ein Mittel der Demokratie sollten starke, unabhängige Medien ein starkes soziales Bewusstsein und eine aktive öffentliche Meinung hervorbringen und unterstützen. Weil die Medien in der Ukraine so nicht vorgehen können, wird ihnen von den Menschen kein Vertrauen entgegengebracht. Journalisten werden nicht als diejenigen angesehen, die die Rechte und Interessen eines Volkes geltend machen - sogar mein Ehemann, 22 und Ökonom, denkt, dass alle Journalisten Bestechungen annehmen und diejenigen zufriedenstellen wollen, von denen sie bezahlt werden.

Um solchen Klischees entgegenzuwirken, schreibe ich einen qualitativ hochwertigen Artikel nach dem anderen - jeden Tag. Und ich versuche in meinem Blog meine Leser zu einer offenen Diskussion anzuregen.


(sueddeutsche.de/sst/korc)

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