Donnerstag, 08. Januar 2009, 19:36:52 Uhr, NZZ Online
nn. Die Westschweizer Tageszeitung «Le Temps» wird ab Ende Oktober ein neues Online-Portal aufschalten, auf dem sämtliche Inhalte der gedruckten Tageszeitung sowie die Archive kostenlos verfügbar sein werden. Dies bestätigte die Verlagsleiterin von «Temps», Valérie Boagno, gegenüber der NZZ. Auf der Internetseite sollen gar mehr Inhalte als in der gedruckten Zeitung angeboten werden, einige Artikel könnten in der Internetausgabe auch früher erscheinen als in der Printausgabe. Im Zuge der Lancierung des neuen Internetauftritts wird daher die Online-Redaktion in die Print-Redaktion integriert, sämtliche Redaktoren werden künftig crossmedial arbeiten. Zudem arbeitet die Qualitätszeitung, die vor zehn Jahren aus einer Fusion des «Journal de Genève» und des Lausanner «Nouveau Quotidien» hervorgegangen ist, an der Digitalisierung der Archive der Vorgänger-Publikationen; mittelfristig sollen auch diese Archive gratis im Internet zur Verfügung gestellt werden.
«Le Temps» ist die erste bezahlte Schweizer Tageszeitung, die sämtliche Inhalte und Archive lückenlos und kostenlos auf dem Internet anbietet. Projektleiterin Virginie Fortun befürchtet keine Kannibalisierung der Printausgabe, obwohl jedermann künftig gratis auf die Informationen zugreifen kann, für welche die Abonnenten und Käufer der Zeitung bezahlen.
Die Internetseite und die gedruckte Zeitung seien schon nur wegen der unterschiedlichen Präsentation der Inhalte komplementär und befriedigten unterschiedliche Leserbedürfnisse, glaubt Fortun. Den zahlenden Abonnenten will man zusätzliche Dienstleistungen wie einen personalisierten Nachrichten-Service oder Anwendungen für mobiles Internet und Telefonie anbieten. Der Verzicht auf Gebühren für die Archive falle finanziell kaum ins Gewicht, erklärt Fortun weiter. Allfällige finanzielle Einbussen will «Le Temps» durch Mehreinnahmen im stark wachsenden Markt der Online-Werbung mindestens kompensieren. Das neue Internet-Portal müsse nicht die am besten frequentierte Informationsseite der Romandie werden, erklärt Fortun. «Le Temps» mit seinem intellektuellen Publikum sei für die Werbewirtschaft aus qualitativen und nicht aus quantitativen Gründen attraktiv. Zudem bietet die neue Priorisierung der Online-Ausgabe der Zeitung eine Möglichkeit, ihr Angebot ohne Mehrkosten über den mit 1,6 Millionen Personen kleinen Westschweizer Markt hinaus auszuweiten.
Gabriele Siegert, Professorin für Medienökonomie an der Universität Zürich, steht diesem Geschäftsmodell eher skeptisch gegenüber. Die Zahlungsbereitschaft der Internet-User für Information tendiere zwar gegen null, daher habe es wenig Sinn, Inhalte im Web kostenpflichtig anzubieten. Um erfolgreich zu sein, müssten sich Print- und Online-Ausgaben aber gegenseitig verstärken statt kannibalisieren, was bei der Bereitstellung fast identischer Inhalte schwierig sei. Grundsätzlich bezweifelt Siegert, dass es für die Medienbranche insgesamt sinnvoll sei, die «Gratismentalität» zu fördern, weil dies die ohnehin geringe Zahlungsbereitschaft der Leser und Nutzer zusätzlich schwächen könnte.
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