Was treibt Menschen an, ihr Wissen und ihre Zeit anderen kostenlos zur Verfügung zu stellen? Dieser Frage widmet sich Christian Stegbauer, Leiter des Forschungsprojekts "Konstitution und Erhalt von Kooperation am Beispiel von Wikipedia" an der Frankfurter Goethe-Uni.
Die Online-Enzyklopädie Wikipedia eigne sich hervorragend als Untersuchungs-Objekt, meint Stegbauer. Alle Inhalte werden von den Nutzern selbst produziert, freiwillig und ohne Bezahlung. "Wer bei Wikipedia mitschreibt, wird damit in eine Gemeinschaft sozial integriert", lautet Stegbauers These. Der Schreiber handele daher nicht mehr eigennützig, sondern aufgrund seiner sozialen Position.
Gerangel um Deutungshoheit
Soziologe Stegbauer und seine vier Mitarbeiter untersuchen daher auch keine individuellen Motivationen, sondern erklären die Mitarbeit am Online-Lexikon mit Hilfe von Beziehungen, die die Teilnehmer miteinander verbinden.
"Dieser soziale Zusammenhang bewirkt, dass Einzelne sich weit mehr engagieren, als sie dies bei reiner Kosten-Nutzen-Abwägung tun würden", schreibt Stegbauer in einem Beitrag für die jüngste Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Forschung Frankfurt". Die Identität des Einzelnen hänge stark damit zusammen, in welcher Position er sich im sozialen Netzwerk befinde. Der Soziologe spricht von einer "gruppenbezogenen Identität". Bei Wikipedia drückt sich diese etwa darin aus, dass jemand Administrator ist, also über das Recht verfügt, Artikel freizuschalten oder zu blockieren.
Häufig stünden diese Inhaltswächter in Konkurrenz zueinander. Werde jedoch einer von anderen Nutzern kritisiert, solidarisierten sich die Administratoren. Auf besondere Weise drückt sich das soziale Geflecht Wikipedia offenbar auch im Diskussionsbereich aus, der an jeden Lexikon-Artikel angebunden ist. "Wenn man die gerichteten Beiträge zu diesem Diskussionsbereich als Beziehungen deutet, kann man daraus eine Netzwerkmatrix konstruieren", erklärt Stegbauer. Mit deren Hilfe hat er herausgefunden, dass sich in den Diskussionen Führungspersönlichkeiten herausbilden, die die Debatte dominieren.
Dies geschehe eher unbeabsichtigt. Mit dem Projekt könne nachgewiesen werden, dass sich die Teilnehmer plötzlich an anderen Positionen wiederfänden als ursprünglich von ihnen beabsichtigt. Somit hängt es also nicht von einem Motiv wie Geltungsdrang oder Nächstenliebe ab, dass Nutzer für Wikipedia schreiben. Ihre Bereitschaft entwickelt sich aus dem sozialen Zusammenhang.
Stegbauer erhofft sich nun Erkenntniszuwächse für die Grundlagentheorie der Erstellung kollektiver Güter sowie Fortschritte in der Internetforschung.


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