Eigentlich war Rupert Murdoch im Oktober 1997 nach Peking geflogen, um einen jahrelangen Streit mit den Herrschern in China zu begraben. Murdoch wollte über "die Rede" sprechen und warum man sie in China missverstanden hatte. Das hatte er zumindest seinem Repräsentanten vor Ort, Bruce Dover, erzählt. Der hat jetzt ein Buch ("Rupert Murdoch's China Adventures", erschienen im Verlag Penguin) über Murdochs Engagement in China geschrieben.
In dem Streit ging es um die Pressefreiheit an sich und um eine Vorhersage, die der Medienunternehmer vier Jahre davor in einer Rede vor Werbeleuten in London geäußert hatte. Der Schriftsteller George Orwell habe nicht recht mit seiner Vision in seinem Roman "1984", hatte Murdoch damals behauptet. Die Medien würden die Leute nicht unterdrücken, sondern ihnen zu mehr Freiheit verhelfen.
Was man eben so sagt vor Werbeleuten, wenn man den Erfolg des Fernsehens feiert. Murdoch verdiente mit Bezahlfernsehen in England viel Geld und vermutlich ist er wirklich von dieser Vorstellung überzeugt. Was ihn selbst betrifft, so hat er ja recht. Für einen wie ihn trifft es wirklich zu, das mit der Freiheit. Und für die anderen gilt es im Prinzip.
In China sah man das anders. Dort hatten die Herrscher 1989 erlebt, wie sie beim Besuch von Gorbatschow Live-Berichterstattung im Fernsehen erlaubt hatten, CNN dann aber statt über den sowjetischen Politiker vor allem von Studentenprotesten berichtet hatte. Sie befahlen der Armee, gewaltsam einzuschreiten, um eine Revolution zu verhindern. So ist es vielleicht kein Wunder, dass sie Murdochs gut gemeinte Worte als konkrete Drohung verstanden. Schließlich hatte Murdoch für eine Milliarde Dollar das Satellitenfernsehsystem Star TV gekauft, um von Hongkong den chinesischen Fernsehmarkt zu erobern.
Auf der schwarzen Liste
Die Herrscher in Peking fürchteten, Murdoch wolle ihr System mit westlichen Werten zum Einsturz bringen und setzten ihn auf eine schwarze Liste. Sein Engagement war unerwünscht. Fernsehen erlaubten sie nur im Kabel, das sie kontrollieren konnten, nicht via Satellit. Da half es auch nicht, dass Murdoch die unliebsame BBC vom Satelliten nahm und ein unliebsames Buch eines China-Kritikers verhinderte. Murdochs China-Repräsentant Dover musste viel Energie und Überzeugungskraft aufbringen, um seinen Chef wieder ins Gespräch zu bringen.
Bevor Murdoch den Machthabern in Peking klarzumachen versuchte, dass er ein Freund der Chinesen sei, war er zunächst aber vor allem an einer Mitarbeiterin interessiert. Sie hieß Wendi Deng. Dover hatte sie ihm als seine Dolmetscherin vorgestellt. Murdoch besuchte mit der jungen Chinesin einen Markt. Als er mitbekam, dass Seidenkrawatten statt der in New York üblichen 100 Dollar hier nur vier Dollar kosteten, hätte er am liebsten Dutzende gekauft. Wendi Deng redete ihm das aus und sagte, er müsse den Preis aushandeln. Der Händler verlangte 240 Yuan. Murdoch bot ihm 260. Nein, sagte der Händler, Murdoch dürfe nicht mehr, sondern müsse weniger bieten. Murdoch lächelte und gab ihm 240. Natürlich wusste der Milliardär, dass er zu viel bezahlt hatte. Aber er war sich sicher, dass er trotzdem ein gutes Geschäft gemacht hatte.
Murdochs mittlerweile ehemaliger Repräsentant in China, Bruce Dover, erzählt diese Episode zu Beginn seines Buches, weil sie beispielhaft steht für das Geschäftsgebaren des Medienunternehmers, beispielhaft für seinen Versuch, den Fernsehmarkt Chinas zu erobern. Dover ist ein ehemaliger Journalist und fungierte Ende der 90er-Jahre als Murdochs Mann in China.
Vor allem aber sollte er Murdoch Türen bei den Herrschern öffnen, um den Markt vor der Konkurrenz zu erobern. Doch in China traute man Murdoch nicht: Der Propagandaminister riet ihm scherzhaft, er könne ja nach der amerikanischen nun auch die chinesische Staatsbürgerschaft beantragen, um seine wirtschaftlichen Interessen voranzutreiben. Als Murdoch nach vielen vergeblichen Versuchen glaubte, er scheitere, weil Dover die Kultur der Chinesen nicht verstehe, schob er ihn 1998 nach Australien ab. Später wechselte Dover zu einem Konkurrenzunternehmen. Dover hat Murdochs Deals aus der Nähe beobachtet und schildert seinen eigenen Einsatz und Murdochs Engagement, ohne mit seinem ehemaligen Boss abzurechnen.
Einige Monate vor der Reise nach Peking hatte China am 1. Juli 1997 mit einem großen Feuerwerk die Rückgabe von Hongkong gefeiert. Murdoch war einer der VIP-Gäste, einer von 4 000. Mitternacht war lange vorbei, als Dover auf einer Hotelparty von einem Pagen angesprochen wurde. Die Sicherheitskräfte hielten einen Mann fest, der sich nicht ausweisen könne und keinen Schlüssel besitze, aber behaupte, hier zu wohnen. Murdoch hatte seine Brieftasche vergessen. Er war nass vom Schweiß und vom Regen und machte einen angeschlagenen Eindruck. Er habe die Orientierung verloren, sagte er. Er konnte das Hotel nicht mehr finden und als er um Hilfe bat, habe ihn niemand verstanden. "Was für ein Abenteuer!" sagte Murdoch.
Wenn man in diesen Tagen der Olympischen Spiele so etwas über Murdoch liest, dann scheint es, als hätte das IOC gewarnt sein müssen, dass westliche Vorstellungen von Pressefreiheit in China anders interpretiert werden. Vielleicht hat Murdochs Verhalten in China sogar dazu beigetragen, dass die Herrscher westlichen Vorstellungen von Pressefreiheit misstrauen. Dabei war ihnen "Mur-Doch", wie sie ihn nennen, durchaus vertraut in seiner Art der Geschäftsführung, die der Art eines Diktators ähnelt.
So sollte Dover eine Kooperation im Internet starten, blieb aber sieben Monate lang ohne Internetanschluss. Danach stellten die Chinesen Murdochs News Corporation monatlich mehr als 20 000 Dollar in Rechnung. Seine Mitarbeiter scherzten, Murdoch finanziere den Ausbau des Internets in China ganz alleine. Einmal versuchte Dover, den Chinesen die Segnungen des Internets nahe zu bringen. Richtiges Interesse weckte er bei seinen Zuhörern, als er aus Versehen eine pornografische Seite aufrief. Dovers junge Mitarbeiter waren jedenfalls sehr begeistert von der Welt im Internet. Einige von ihnen übernachteten monatelang im Büro, um Nacht für Nacht zu surfen. Als Murdoch zu Besuch war und einen Gegenstand unter dem Tisch aufheben wollte, hielt er plötzlich eine benutzte Unterhose eines Mitarbeiters in der Hand.
Dover bettet solche Details in größere Zusammenhänge und berichtet auch von den Zensuranweisungen, die Murdoch in den USA und in Europa vorgeworfen werden. Allerdings gilt Murdochs Wort offenbar nicht immer. Mitarbeiter seines Buchverlages in England beispielsweise ignorierten seine Anweisungen, das Buch des ehemaligen britischen Gouverneurs in Hongkong zu "killen", wie Murdoch es forderte. So kam es erst kurz vor Veröffentlichung zum Eklat, als Murdoch den Mitarbeiter feuerte.
Murdochs Versuch, China mit seinen Millionen zu erobern, ist Dover zufolge gescheitert. Die Olympischen Spiele hätten auch Murdochs Triumph sein können. Doch die Herrscher in China haben Murdochs Technik, seinen Rat und sein Geld genommen, aber ihm keinen exklusiven Zugang zu ihren Zuschauern verschafft. Er hat mehr als zwei Milliarden Dollar investiert. Er sei gegen eine Wand gefahren, sagte Murdoch 2005, als China jegliches ausländisches Engagement im Fernsehen verbot. Eine ungewöhnliche Niederlage für einen wie ihn. Dabei hatte er China angeboten, gemeinsam alle anderen fernzuhalten. In China traute man ihm nicht.
Ein gutes Geschäft
Wer weiß, vielleicht wird er in einigen Jahren doch noch den Durchbruch schaffen. Einstweilen hat er sein Interesse in Asien nach Indien verlagert. Vor den Spielen hielt er in Mumbai eine Pressekonferenz und kündigte an, er werde 100 Millionen Dollar in den Aufbau von sechs regionalen Fernsehsendern investieren, die in verschiedenen Sprachen und Dialekten senden. Die Redaktion des Wall Street Journal und der Agentur von Dow Jones werde von jetzt 25 auf 70 Mitarbeiter erweitert.
Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass Dovers Buch über Murdoch in China Aufmerksamkeit vor allem erlangte, weil die Zeitschrift Far Eastern Economic Review eine Besprechung plante, der Redakteur bei Eintreffen des Textes aber "kalte Füße" bekam, wie er dem Rezensenten mitteilte und den Text ablehnte. Und das ausgerechnet von einer Zeitschrift, die zu den angesehensten in Asien gehört und sich den Ruf erarbeitet hat, überaus kritisch zu berichten.
Sie erscheint nur in einer Auflage von 20 000 Exemplaren und ist damit die kleinste Publikation im Verlag Dow Jones, der seit einigen Monaten Rupert Murdoch gehört. Der Redakteur sagte dem Rezensenten, er habe sich das Buch besorgt und den Eindruck erhalten, als übe der Autor Rache an Murdoch. Dabei schreibt Dover ohne Schaum vor dem Mund. Aber vielleicht hat der Redakteur nachgelesen, dass Mitarbeiter, die nicht vorausahnen, was gut ist für Murdoch und entsprechend handeln, mit Rauswurf rechnen müssen. Es war der erste bekannt gewordene Fall von Selbstzensur bei Dow Jones, seit der Übernahme durch Murdoch. In Chinas Propagandaministerium wird man sich vermutlich lachend an Murdochs Rede von der Pressefreiheit erinnert haben.
Einen Trost immerhin habe Murdoch in China gefunden, schreibt Dover: seine dritte Frau, die 38 Jahre jüngere Wendi Deng. Ihr zuliebe praktiziere er dreimal wöchentlich Yoga. Sie schenkte ihm zwei Töchter. Murdoch sieht das vermutlich als gutes Geschäft.
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Die Olympischen Spiele hätten auch Murdochs Triumph sein können. Doch sein Versuch, China zu erobern, ist gescheitert.
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Foto: Aus China hat Rupert Murdoch seine 38 Jahre jüngere Ehefrau mitgebracht. Er sieht das vermutlich als gutes Geschäft.