Etwas Politik, viel Prominentengeflüster: Die "RTL 2-News" machen Nachrichten für die Videoclip-Generation. Von Dirk Graalmann
Sandra Thier ist das Gesicht der RTL 2 News. Die Österreicherin setzt auf Empathie bei Klatsch-Themen.
Foto: rtl2
Der Tagesschau war es keinen Satz wert, für die RTL 2-News aber war es ein Geschenk im tristen Sommerloch: Es sei "die Lovestory des Jahres", eine "Geschichte wie 1000 Mal berührt", sagte Sandra Thier. Sie ist 29. Man könnte meinen, dass sie wirklich empfindet, was sie da erzählt.
Die Österreicherin ist das Gesicht der RTL 2-Nachrichten, und schöner können solch staatstragende Amouren wie die von Boris Becker wohl nur die Könner von Bild ansingen. Oder von Brisant: Das ARD-Magazin sendet Dinge, die womöglich viele Zuschauer interessieren, aber der Tagesschau peinlich sind. Den RTL 2-News ist solche Scheu fremd.
Jeden Tag um 20 Uhr, parallel zum erklärten Nachrichten-Hochamt im Ersten, laufen die alternativen News aus Köln. Sie sind eine eigentümliche Mischung aus harter Politik, Zielgruppen-Storys und Prominentengeflüster. Auch bei RTL 2 ging es in der vergangenen Woche zuerst um den "Krieg im Kaukasus".
Aber nicht wie in der ARD in sieben Minuten mit zwei Schalten, sondern in einer Minute 30 Sekunden: schnelle Schnitte, ab und an verwackelte Bilder. Die Videoclip-Generation will etwas zu gucken haben. Sie bekommt es. Und eben nicht jene Sequenzen von Staatsbesuchen, wo man bei den öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen allabendlich zusehen darf, wie sich Präsidenten oder Potentaten die Hände schütteln. Eine "Augsburger-Puppenkisten-Optik" nennt Jürgen Ohls das.
Der studierte Politologe hätte vielleicht auch bei der ARD landen können, aber seit zwölf Jahren arbeitet der 47-Jährige beim Kölner RTL-Ableger. Seit Ende 2006 ist der Nachrichtenchef auch zum Chefredakteur des kleinen Senders aufgestiegen. Der gebürtige Hamburger hat einen Hang zu Außenseitern, an der Wand seines Büros pinnt ein Wimpel seines Lieblings-Fußballklubs FC St. Pauli, der kleine, zweitklassige, alternative Verein im Schatten des Hamburger SV.
Täglicher Klatsch, pünktlich um 20.10 Uhr
Ab und an ärgert der Kleine die Großen. Die "RTL 2 News" haben bemerkenswerte Einschaltquoten, sie lagen in den ersten fünf Monaten des Jahres bei den Zuschauern zwischen 14 und 49 Jahren bei knapp sieben Prozent Marktanteil.
Zumindest die sich als "Tagesschau"-Kopie andienenden "Sat 1 Nachrichten", deren Marktanteil in dieser Zielgruppe zuletzt unter sechs Prozent lag, haben sie somit im Griff, auch wenn es in absoluten Zahlen nicht einmal eine Million Zuseher sind.
Im Frühsommer lagen die Kölner bei den Zuschauern zwischen 14 und 29 Jahren sogar tagelang vor der "Tagesschau", selbst in der sogenannten werberelevanten Zielgruppe (19 bis 49 Jahre) konnten sie das Flagschiff abhängen. Das lässt so manchen ratlos zurück.
Christian Ehrig gehört nicht dazu, er ist bei den RTL 2-News der Chef vom Dienst. "Wir sind kurz, knapp, klar", sagt Ehrig. "Und wir werden verstanden." Der 43-Jährige ist kein Boulevard-Junkie, aber hier, in der Nachrichtenredaktion, fast vis-à-vis mit RTL-Kollege Peter Kloeppel, gibt er eine klare Richtung vor: "Der VIP-Block ist unser größtes Pfund"; der USP, unique selling proposition, wie das in der Marketing-Branche heißt.
Der tägliche Klatsch kommt pünktlich um 20.10 Uhr, dann, wenn beim Schwestersender RTL der Werbeblock in der Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" ansteht. Die GZSZ-Freunde, zuletzt mehr als 3,3 Millionen, können dann folgenlos rüberzappen.
Fernsehnachrichten "entwickeln sich zu einer Dienstleistung, die zunehmend mehr amüsiert als informiert", konstatierte der Medienforscher Georg Ruhrmann von der Universität in Jena aufgrund seiner Studie "Veränderung von Nachrichtenfaktoren" von 2007. "Wir holen die Menschen da ab, wo sie stehen", heißt das bei Ehrig. Sein Chef formuliert es noch plakativer: "Wir sagen den Leuten: Es ist kein Verbrechen, nicht genau zu wissen, wo das Westjordanland liegt." Oder Südossetien. Läuft deshalb etwas schief mit dem Nachwuchs? "Die Jugendlichen sind nicht entpolitisiert", sagt Ohls, "aber sie wollen nicht jede Zeitlupenbewegung in Berlin sehen, sondern Ergebnisse."
Er schätze das Öffentlich-Rechtliche, bewundere deren Professionalität, aber er hasse "dieses Erziehungsfernsehen". So erfährt man in den RTL 2-News nur selten etwas vom Fortgang im Koalitionsausschuss, der gern nächtens, schlecht ausgeleuchtet vorm Kanzleramt, in ARD und ZDF wortreich verkündet wird.
Politik in homöopathischen Dosen
Ist das nicht der Untergang der Demokratie? "Besser zwei Minuten Merkel als gar keine Merkel", findet Ohls. Es ist ja auch nicht allein seine Schuld. Seit zwei Jahren liege eine Interviewanfrage im Kanzleramt; aber Angela Merkel wolle offenbar nicht. Die Kluft zwischen Politik und der Jugend ist groß. Ohls spürt das jeden Tag daheim.
Er selbst lief früher mit dem Kommunistischen Manifest herum, debattierte in seiner Clique die sowjetische Außenpolitik, es herrschte der Kalte Krieg. Heute sagt ihm seine 16-jährige Tochter, dass Politik sie langweile. "Wie erreichst du Leute, die für die Nachrichten eigentlich verloren sind?", fragt der Vater.
Manchmal ähnelt sein Job dem eines Streetworkers, der verzogene Kinder wieder auf die rechte Bahn bringen will. Die Therapie ist schonend, Politik gibt es in homöopathischen Dosen, die Unterhaltungsjunkies brauchen ihren Stoff. "Wir sagen den Leuten: Nehmt vorne Irak, dann kriegt ihr hinten das, was euch am meisten interessiert."
Boris Becker zum Beispiel oder das Neueste von Angelina Jolie. Die junge Mutter wird, wie man dank RTL 2 nun weiß, "früh abstillen", schließlich will sie bald wieder vor der Kamera stehen.
Jürgen Ohls gibt zu, dass das alles "so wichtig ist wie der Sack Reis, der in China umfällt". Bei RTL 2 fallen jeden Tag viele Säcke um. Ohls findet die Relevanzdiskussion müßig: "Ich würde doch nie behaupten, dass man alles weiß, wenn man uns guckt. Aber das ist nach der "Tagesschau" auch nicht anders."
Doch seine Sendung steht unter Generalverdacht, als Vorhut für die sendertypischen Nabelschauen wie "Big Brother" oder alsbald "Entzug - Du lebst nur einmal". In der Tat schnellten die Quoten der News jüngst nach oben, als im Anschluss die achte Staffel der voyeuristischen Container-Show lief. Die neunte ist bereits fest geplant. Sind die Nachrichten also nichts anderes als das Feigenblatt für den bevorzugten Seelen-Striptease?
Der RTL 2-Chef hat es weitgehend aufgegeben, sich dafür zu rechtfertigen - nur über den Vorwurf, seine kleine 40-Personen-Truppe simuliere lediglich Journalismus, echauffiert er sich. "Das läuft ja als Automatismus und gipfelt in dem Vorwurf, dass unsere Moderatorin jung ist und gut aussieht." Sandra Thier ist in der Tat jung und durchaus attraktiv. Doch die 29-Jährige, seit drei Jahren Anchorwoman der News, ist nicht unbedarft.
Öffentlich-rechtliches Trockenfutter mit Geschmacksverstärker
Sie hat Publizistik studiert, in Österreich moderierte sie 2004 etwa eine TV-Debatte der beiden Präsidentschaftskandidaten Ferrero und Fischer. Wenn man mit ihr spricht, redet sie viel über Bildungspolitik oder die Konsequenzen des Klimawandels - sie findet Politik "ungemein spannend", würde gern einen Talk für junge Leute moderieren: eine Art "Live aus dem Schlachthof", mit dem der BR früher mal an diese Klientel dachte.
Doch eine politische Talksendung klingt nicht sehr sexy für das Publikum, das RTL 2 umwirbt. Sandra Thier weiß das. Kurz danach geht sie ins Studio und klärt ihre Zuschauer mit offenkundiger Empathie über die Sorgerechtsnöte von Britney Spears auf.
Es ist Nachrichtenjournalismus im Namen der Zielgruppe, für deren Verlangen man bei RTL 2 offenkundig ein gutes Gespür entwickelt hat. Wenn man es nur geschickt anstellt, kann man dem eigenen Publikum mit dem Geschmacksverstärker "Dramatik" sogar öffentlich-rechtliches Trockenfutter unterjubeln. So kaufte RTL 2 in diesem Jahr den Arte-Film "Der Junge in der Blase" für seine Reihe Schicksalsreportage ein.
Es geht um die Hybris der Medizin, die am lebenden Objekt, einem Zwölfjährigen ohne Immunsystem, forschte. Der Junge starb, bei Arte sahen 170.000 Menschen dabei zu. Sieben Monate später strahlte RTL 2 den Film aus - mit zwei Werbepausen. Da saßen dann 1,1 Millionen vor dem Fernsehgerät. Die Kölner hatte den Film nur umbenannt. Der neue Titel: Draußen lauert der Tod.
Herr Graalmann ist dafür zu danken, dass er die RTL2 News nicht einseitig als Nachrichtensendung der "Unterschicht" abtut - was sehr einfach wäre. Ich schaue gerne die RTL2 News, weil sie die Information ohne langes Geschwafel kompakt darstellen. Die "Augsburger Puppenkiste" dagegen, naja... die Überalterung in Deutschland führt eben auch dazu, dass der Zielgruppe die Informationen schööööön laaaaangsam vermittelt werden müssen - Videoclipästhetik ist eben auch nur etwas für Leute die gelernt haben Informationen effizient zu verarbeiten.
Darüber hinaus ist es doch aber so: komplexe Konflikte wie im Kaukasus eigenen sich nur sehr bedingt für das Medium Fernsehen, das Sendeformat spielt hierbei gar keine Rolle. Zusätzlich bekommt man im TV manipulative Kriegsbilder von weindenden Wittwen serviert, deren Informationsgehalt zweifelhaft ist und die mir das Abendessen verderben.
Wenn ich wissen will wie und warum es zu einem solchen Krieg kam, dann muss ich immer noch ein Qualitätsblatt lesen und mich umfassend mit den Hintergründen beschäftigen, auf die Fernsehnachrichten kann ich somit schließlich komplett verzichten.
Umgedreht lassen sich Geschichten wie Brangelina oder BumBumBoris im Fernsehen mit bewegten Bildern viel besser, weil emotionaler, vermitteln, da ist es doch nur konsequent die Nachrichten auf solche Inhalte zu konzentrieren. Man muss sein Zielpublikum, dass im Übrigen in der Minderheit ist (junge Leute), eben dort abholen wo es steht.
Mich persönlich interessiert das Leben der Mrs.Spears zwar so wenig wie das 3-Königstreffen der FDP, aber man kann es sich ja trotzdem mal anschauen.
Was mich dagenen sehr interessiert ist, wenn z.B. ein Videospiel wie "Grant Theft Auto 4" veröffentlicht wird, die RTL2 News berichteten darüber. Von der Tagesschau kann man so etwas nicht erwarten, eher einen inkompetenten Beitrag zu den sogenannten Killerspielen. Videospiele sind aber für viele Menschen ein wichtiges Thema und sollten auch so behandelt werden.
Warum sollte die Veröffentlichung eines komplexen und zeitgeistigen Computerspiels nicht genauso gewürdigt werden wie bspw. der neue Roman von Günther Grass?
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Das müssen RTL-2-"Nachrichten"-Zuschauer nicht wissen. Spielt ja keine Rolle, wo gerade Menschen umgebracht werden. Die Hauptsache, man kann über die Sorgerechts-Probleme von Britney Spears "informieren". Was dabei herauskommt, kann man sehr deutlich in den Quiz-Sendungen bewundern: Stanislav Tillich? Nie gehört. Das Volk der Dichter und Denker wird zunehmend zum Volk der Ahnungslosen und Ignoranten.
Und nachdem die so genannten Nachrichten von RTL 2 bei der Gruppe der 19- bis 29-Jährigen (also der Altersstufe, die für Werbung zugänglich ist) die ARD-Tagesschau hinter sich gelassen haben, wird es wohl nicht lane dauern, bis die Tagesschau mehr Promi-Klatsch in ihre Sendung einbaut. Die Verdummung ist unaufhaltsam.
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19.08.200810:11:11
trobare:Wеn intеrеssiеrеn diе еdlеn Ambitionеn der Machеr?
Wichtig ist, was hintеn rauskommt.
Und RTL 2 lеistеt sich nur dеshalb übеrhaupt so еtwas wiе Nachrichtеn, wеil еs dann als "Vollprogramm" bеvorzugt in die Kabеlnеtzе еingеspеist wird.
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