[Alt + 1] zur Startseite [Alt + 2] zum Seitenanfang [Alt + 3] zur allgemeinen Navigation [Alt + 4] zur Hauptnavigation [Alt + 5] zum Inhalt [Alt + 6] zu Tipps, Hinweise und Kurzinfos [Alt + 7] zur Suche [Alt + 8] zum Login von MyNZZ [Alt + 9] zur Fusszeile
.
  • 25. Juli 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Schön und gut

    Schön und gut

    «Liebling», die etwas andere Zeitschrift aus dem Berliner Biotop

    Toolbox
    Druckansicht
    Die Berliner Zeitschrift «Liebling» fällt auf, formal und inhaltlich. Auch da, wo es um Mode und Kunst geht, fehlt der Jargon der Insider, gibt es nicht das sich enigmatisch spreizende Gefasel.

    H. Sf. Es ist nicht leicht, auf dem dichtbesetzten Markt der Lifestyle- und Kunstzeitschriften noch Aufmerksamkeit zu gewinnen. «Liebling», ein weiteres Produkt aus dem einschlägigen Kreativ-Biotop Berlin-Mitte, ist im Kioskangebot dennoch herausragend – und zwar buchstäblich: Allein mit ihrem übergrossen Tabloid-Format (47×31 cm) zieht diese «Zeitschrift für Mode, Film, Musik und Kunst» die Blicke auf sich. Markus Peichl, Gründer der Magazinlegende «Tempo» (1986–1996), hat im letzten Jahr das serbelnde Blatt übernommen, das es 2005 und 2006 auf vier Ausgaben brachte, die eine diffuse Mischung aus Avantgarde und Dilettantismus boten.

    Anzeige
    .
    .

    Ästhetisierung des Alltags

    Der neue «Liebling», der im März regelmässig zu erscheinen begann und mit der Juli-Ausgabe das dritte Heft präsentiert, ist beladen mit einer anspruchsvollen Sendung: «Ein Magazin, das die Zeit nicht nur abbildet, sondern in ihr lebt», verspricht die Selbstdarstellung auf der spartanischen Website (www.liebling-zeitung.com). Mit Liebe und Hingabe zu «Menschen und Dingen», dem Kult der Schönheit und der Orientierung an Werten will Liebling die frohe Botschaft von den segensreichen Folgen einer Ästhetisierung des Alltags verbreiten. Das Schöne ist hier zugleich auch das Gute. «Liebling» setzt zunächst auf die Überwältigung des Lesers durch visuelle Überraschungen und Abweichungen von der gängigen Hochglanzästhetik und Aufmachung der Lifestyle-Magazine. Die Titelmodels von «Liebling» zeigen ihren Rücken und blicken den Leser nicht an. Gedruckt wird auf mattem Zeitungspapier und überwiegend in Schwarz-Weiss. Das Layout wirkt streng und klassisch. Die dreispaltigen Textseiten bieten ganz puristisch nur den Lesestoff. Sie wechseln mit oft langen Fotostrecken, die auf 8 bis 12 Seiten Bilder in Grössen präsentieren, wie man sie in Ausstellungen sieht. Mit Platz wird hier verschwenderisch umgegangen, was «Liebling» etwas Monumental-Repräsentatives gibt, das freilich immer wieder durch die Intimität und Nähe des Abgebildeten gebrochen wird.

    Brillantes

    Die hohe visuelle Präsenz im Blatt bedeutet aber nicht, dass die Texte Nebensache sind. Das gilt sowohl für die Kolumnen als auch für die langen Künstlerporträts. Unter dem Titel «Anstoss» liefert der «Zeit»-Redaktor Georg Diez in jeder Ausgabe brillante Beiträge zu einer Kritik des herrschenden Zeitgeists, die nur zu oft genau das mit analytischer Kälte sezieren, was sein Mutterblatt jede Woche mit gefühligem Biedersinn verbreitet. Die Berliner Filmemacherin Eva Munz hat in «Bedrohte Art» einen ganz eigenen Stil gefunden, um zum Beispiel aus dem Verschwinden der First Lady im politischen Betrieb oder der Marginalisierung des natürlichen Todes Zeitdiagnosen en miniature zu stellen. Das kommt ohne erschöpfte Ironie aus, ist vielmehr um Genauigkeit und Analyse ebenso bemüht wie um Verständlichkeit.

    Die Verpflichtung auf Verständlichkeit ist ein weiteres Merkmal von «Liebling». Auch da, wo es um Mode und Kunst geht, fehlt der Jargon der Insider, gibt es nicht das sich enigmatisch spreizende Gefasel. Ein erzählender Gestus prägt die langen Stücke im Heft durchgängig. Menschen und ihre Geschichten interessieren hier. So wird der Leser zum Gast bei Paul Nizon in Paris, er begleitet den Regisseur Philipp Reuter in die Londoner Wohnung des aidskranken Dramatikers Mark Ravenhill und begegnet immer wieder Schauspielern, die bei «Liebling» prominent porträtiert werden. Solche Ortstermine bei Künstlern, zu denen auch Atelier- oder Studiobesuche zählen, haben einen für Lifestyle-Journale ungewöhnlich ernsthaften Ton, mischen die Erzählung mit Analyse der kreativen und der handwerklichen Arbeiten.

    Ernsthaftigkeit

    Eine solche Ernsthaftigkeit bestimmt auch weite Teile der umfangreichen Mode- und Design-Berichterstattung. In den kurzen Übersichten zu neuen Trends («Männerschau», «Frauenschau») und Produkten («Haben-Wollen») ebenso wie in den langen Fotostrecken, die ganze Kollektionen vorstellen, herrscht eine unaufgeregte Sachlichkeit und eine Versenkung in den Gegenstand, wie man sie sonst bei guter Kunstkritik findet. Mit Sorgfalt pflegt «Liebling» auch den Rückblick, erinnert an Elsa Triolet, die Frau von Louis Aragon, die nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Schmuckdesignerin war, und zeigt prägnante Zeichnungen des 1988 verstorbenen Mode-Illustrators Tony Viramontes, dessen Arbeiten in den achtziger Jahren stilprägend waren. Zeitgenossenschaft bedeutet in «Liebling» immer auch, historisches Bewusstsein zu haben.

    Es gibt allerdings auch andere Seiten in «Liebling». So wird in jeder Nummer viel Platz verschwendet auf Belanglosigkeiten wie die Foto-Rubrik «Eine Sekunde im Leben von . . .», wo man Leander Haussmann in 24 kleinen Fotografien beim Rasieren mit einem Küchenmesser zuschauen kann. Enervierend ist es, den «Vanity Fair»-Moderedaktor über die richtige Sockenwahl schwadronieren zu sehen und die an solchen Orten offenbar unvermeidlichen Autoberichte (Audi, Rolls-Royce) in eben jenem barocken Stil lesen zu müssen, der grosse Teile des Autojournalismus ungeniessbar macht. Das ist allenfalls angestrengter Dandyismus, vor allem aber langweilig. Reportagen aus jenen Kulturzonen, die sich der schlichten Verrechnung mit Hoch- oder Populärkultur entziehen, gibt es viel zu wenig. Eine Exkursion in die Pariser Tecktonic-Tanzszene ist bisher ein Einzelstück.

    Schmale Basis

    So klingt es reichlich optimistisch, wenn Markus Peichl verkündet, dass von der Druckauflage von 75 000 Exemplaren, die auch in ausgewählten «fashion stores» vertrieben werden, am Ende 20 000 bis 25 000 Stück verkauft werden sollen. Offenbar sind schon jetzt die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllt worden. Denn «Liebling» erscheint nicht, wie angekündigt, zehnmal im Jahr, sondern nur alle zwei Monate. Das Ausscheiden von Götz Offergeld, der das Blatt ursprünglich gegründet hat, deutet auch auf Unstimmigkeiten über den Kurs des Blattes hin. Viel Geld scheint nicht verfügbar zu sein. Denn die jetzt amtierende Chefredaktorin Anne Urbauer leitet «Liebling» freiberuflich, ohne Festanstellung. Dies sei, so heisst es, ein in der Berliner Magazinszene nicht ungewöhnlicher Fall.


    .
    Leserkommentare ein- und ausblenden Leser-Kommentare: 0 Beiträge
    .
    Um selbst einen Leser-Kommentar abgeben zu können, müssen Sie sich hier anmelden. Bitte beachten Sie die für Leser-Kommentare geltenden Richtlinien und Copyright-Bestimmungen.