WIEN. Und plötzlich tauchte es doch im ORF auf: das gefürchtete "K"-Wort, das seit Jahrzehnten kein ORF-Chef in den Mund zu nehmen wagte. K - wie Kündigungen - nicht nur in der österreichischen öffentlich-rechtlichen Anstalt ein Unwort. Daher redet ORF-Chef Alexander Wrabetz auch lieber von "Optimierungen", will in die Pension entlassene Mitarbeiter "nicht nachbesetzen" und "Ausgliederungen prüfen". 250 Mitarbeiter, so offizielle Angaben, sollen bis 2010 eingespart werden. Inoffiziell ist gar von 280 die Rede. Das sind mehr als sechs Prozent des Gesamtpersonals. Zudem soll ein Viertel der Führungskräfte eingespart werden.
Beobachter sehen den ORF in einer der schwersten Krisen seit vielen Jahren. Zehn Millionen Euro Verlust sind für 2008 budgetiert und das, obwohl man sich erst im Juni eine Gebührenerhöhung um fast zehn Prozent genehmigt hatte. Das Minus an sich ist nicht hoch, bei einem Jahresumsatz jenseits der 800-Millionen-Euro-Grenze. Doch die Verluste sind strukturell bedingt und werden sich in den kommenden Jahren vervielfachen.
Denn nur gut die Hälfte seiner Umsätze holt sich der ORF aus den relativ sicheren Gebühren, die jeder TV-Zuschauer zahlen muss. Die andere Hälfte muss sich der ORF am Werbemarkt verdienen, und dort könnte es zuletzt wahrlich besser laufen. Denn der ORF hat ein massives Quotenproblem. 2007 war mit einem Jahresmarktanteil von 39,4 Prozent, einem Minus von 3,6 Prozent in nur einem Jahr, ein historischer Tiefststand für den ORF gemessen worden. Bergab geht es freilich schon seit Längerem, noch vor fünf Jahren war ein Marktanteil im oberen 40-Prozent-Bereich normal. Das drückt natürlich die Werbepreise. Zudem wachsen die Werbeumsätze bei den billigeren ORF-Konkurrenten wie ProSieben, Sat.1 und der RTL-Gruppe stetig an. Die deutschen Sender verkaufen in ihren Österreich-Fenstern österreichische Werbung, was die Preise weiter unter Druck bringt.
Über Erklärungen für den galoppierenden Quotenverlust sind sich Experten uneins. Die Fakten sind aber klar: Einerseits hat der ORF im April 2007 mit einer groß angelegten Programmreform Schiffbruch erlitten. Beliebte Sendungen wurden durch neue ersetzt, die fast durchweg weniger Zuspruch fanden als ihre Vorgänger. Zeitgleich startete die Digitalisierung des terrestrischen Fernsehens, das einerseits für mehr Angebot sorgte, andererseits viele Haushalte zum Kauf einer Satelliten-Anlage motivierte. Dabei kam es zu einem unvorhergesehenen Effekt: 150 000 Haushalte verzichteten beim Umstieg auf den ORF-Empfang. "ORF-Verweigerer" nennt man sie in der Sendezentrale am Wiener Küniglberg pikiert.
Nun sind harte Maßnahmen angesagt. Neben dem Personalabbau, der wütende Proteste des Betriebsrates nach sich zog, will man im Rechte-Bereich kürzen. Wrabetz kündigte an, die Rechte für Sport und Hollywood-Filme auf ihre Kosten-Nutzen-Bilanz prüfen zu lassen. Zudem will er das Radiosymphonieorchester des ORF, ein Anachronismus aus der Zeit, als im Radio noch live gespielt wurde, ausgliedern. Das hat zu heftigen Reaktionen der Kulturszene geführt, die dem Klangkörper internationales Format zuschreibt.
Zu allem Überfluss schwebt über dem ORF das Damokles-Schwert einer EU-Prüfung wegen staatlicher Beihilfe. Wie in Deutschland ist auch in Österreich die Hauptfrage, wie weit der ORF Onlinedienste mit Gebührengeld betreiben darf. Wobei der ORF diese bereits im Wesentlichen auf Nachrichten und Programm-Informationen zurückgefahren hat. Eigene Kanäle, etwa für Spiele oder Comics, wurden eingestellt. Ob das reichen wird, ist fraglich. Sonst droht auch dort das hässliche K-Wort.
Unser Autor ist Redakteur der Wiener Zeitung.
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Beliebte Sendungen wurden durch neue ersetzt, die jedoch fast durchweg weniger Zuspruch fanden.
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Foto: ORF-Logo vor dem Sendezentrum in Wien