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  „Das Internet ist ein Stück der Antwort“
Ein epd-Interview mit ARTE-France-Generaldirektor Jean Rozat




© ARTE

epd: Mit den Empfehlungen der Parlamentskommission zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen in Frankreich steht ein Umbau des gesamten Fernsehsystems bevor. Was ist geplant, und wie weit ist ARTE betroffen?

Rozat: Die Kommission hat nur zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen etwas zu sagen, und genau genommen kann sie sich nur zu France Télévisions äußern. Sie hat weder mit dem Auslandsfernsehen zu tun noch mit dem Hörfunk noch mit ARTE. Denn ARTE ist durch einem zwischenstaatlichen Vertrag geregelt. Die Kommission sollte darüber entscheiden, wie viel Geld France Télévisions künftig bekommen soll, wenn sie über gar keine oder nur geringere Werbeeinahmen mehr verfügen, und sie soll klären, was die verschiedenen Programme von France Télévisions künftig leisten sollen. Es gab eine heftige Diskussion darüber in Frankreich, wie viel Geld France Télévisions brauchen werde. „France Télévisions“ selbst forderte 800 Millionen Euro, manche forderten eine Milliarde Euro.

„ARTE ist nicht betroffen“

Die Kommission möchte die Sender zu einer Neuorganisation zwingen, um 150 Millionen Euro einzusparen. Sie empfahl 450 Millionen Euro für alle fünf Sender, also France 2, France 3, France 4, France 5 und France O, inklusive der Programme im Internet. Es sollen auch drei neue Abgaben eingeführt werden, die jeweils die Privaten, die Internetprovider und die Mobilfunkunternehmen aufbringen sollen. Die privaten Sender freuen sich darüber natürlich nicht, aber man gibt ihnen Erlaubnis, zusätzliche Unterbrecherwerbung zu schalten.

 Jean Rozat 

epd   Jean Rozat ist Generaldirektor und Leiter Unternehmensstrategie bei ARTE France (Paris). Der Sprach- und Literaturwissenschaftler absolvierte die Nationale Verwaltungshochschule „Ecole Nationale d'Administration“ und machte danach Karriere im französischen Kultusministerium. Seit 1991 ist Rozat beim Fernsehen tätig, zunächst bei Antenne 2, dem damals zweiten französischen Programm. 1992 wechselte er zu Arte G.E.I.E. in Straßburg, wo er auch die Redaktion Spielfilm leitete. 1994 wurde Rozat Direktor für Projektentwicklung bei ARTE France und leitete die Tochtergesellschaften Cinéma ARTE und ARTE Développement (Spielfilm und Entwicklung). Generaldirektor von ARTE France ist er seit 2001. Mit unserem Mitarbeiter Fritz Wolf sprach Rozat am Rande des Festivals „Sunny Side of the Docs“ in La Rochelle über die Medienpolitik in Frankreich (vgl. auch Leitartikel in dieser Ausgabe) und den deutschen Streit über das Internet.

Kann es trotzdem Auswirkungen auf ARTE geben?

ARTE ist nicht direkt betroffen. Als ARTE France, das französische Mitglied von ARTE, haben wir im vorigen Jahr eine Ziel- und Mittelvereinbarung mit dem Staat unterschrieben. Unsere Gelder sind garantiert bis Ende 2011. Wir haben auch mit der Kommission diskutiert. Sie weiß, welch ein Sender ARTE ist. Wir sind mit einer klaren herausgeberischen Linie - Kultur und Europa - positioniert. Unsere Ausgaben sind viel geringer als die von France Télévisions, und unsere Verwaltung ist transparent.

Aber wird nicht über kurz oder lang die finanzielle Englage bei France Télévisions auch zu Debatten über die Ausgaben für ARTE führen?

Bis jetzt ist das nicht der Fall. Diese Frage sollte sich eigentlich erst am Ende des derzeitigen Vertrages, also 2011 stellen. Aber ich kann mir vorstellen, dass eine solche Debatte schon früher aufkommen wird.

Gibt es für die Neuordnung neben den finanziellen auch politische Gründe?

Schwer zu sagen. Es gibt einen politischen Willen des Präsidenten und seiner Mannschaft, die französische Gesellschaft zu reformieren. Wahrscheinlich haben sie recht. Die Frage ist nur: welche Reformen? Was das Fernsehen betrifft: In Frankreich wird kaum debattiert, ob die öffentlichen Sender sich auch über Werbung finanzieren sollen. Viele führende Leute denken, France Télévisions sollte ohne Werbung auskommen. Aber dann müsste die Fernsehgebühr deutlich höher sein. Sie ist jetzt etwa halb so hoch wie die Rundfunkgebühr in Deutschland. Derzeit kommt etwa ein Drittel der Einnahmen von France Télévisions aus der Werbung. Woher soll nun das Geld kommen? Das Problem mit France Télévisions ist: Viele Leute denken, das Programmangebot sei auch nicht anders als der kommerzielle Kanal TF1. Das stimmt zwar nicht, aber so sehen das viele Menschen. Sie denken, dass France 3 mit einem großen Etat, 24 regionalen Abteilungen und 5.300 Mitarbeitern ein Monster ist. Von France 4 wissen viele nicht, was sie davon halten sollen, France 5 hat ein etwas besseres Image.

Bereits ab 2009 wird es nach 20 Uhr keine Werbung mehr geben. Darüber kann man sich in Deutschland eigentlich nicht wundern.

Die Kommission hat sich darauf festgelegt, Schritt für Schritt vorzugehen. Und der erste Schritt ist eben getan. Der Präsident hat als Ziel genannt, die Werbung im Laufe der Zeit in France Télévisions ganz abzuschaffen.

„Geschenk für die Privaten“

Bedeutet diese Politik eine Stärkung der privaten Sender?

Das kann man so sehen. Die französische Presse jedenfalls interpretiert das als Geschenk für die Privaten, die der Präsident unterstützt. Die Neuordnung wird die Privaten stärker machen. Dazu kommt noch als Neuerung: Der Präsident von France Télévisions wird künftig vom Staatspräsidenten selbst ernannt werden. Das Parlament darf drei Persönlichkeiten vorschlagen und darf beraten. Sarkozy argumentiert, das öffentlich-rechtliche Fernsehen werde mit öffentlichen Geldern finanziert, das sei Staatsgeld und deshalb dürfte der Staat auch den Präsidenten des Senders ernennen. Das ist in der Öffentlichkeit heftig kritisiert worden. Insgesamt sind viele Vorschläge der Kommission noch strittig. Es wird noch Debatten im Parlament geben. Die Mobilfunk-Unternehmen und Internetprovider werden wahrscheinlich wegen der neuen Abgaben klagen. Und was die Europäische Kommission dazu sagen wird, ist auch noch nicht klar. Wir sind noch nicht wirklich am Ende des Prozesses angekommen.

Wenn der öffentliche Sektor im Fernsehen geschwächt wird - könnte nicht ARTE von dieser Entwicklung profitieren?

Man könnte denken, wenn France Télévisions schwächer wird, werde ARTE mehr Platz für seine Programme haben. Das denke ich nicht. Wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen schwächer wird, ist das auch schlecht für ARTE. Präsident Sarkozy hat ja gefordert, „France Télévisions“ solle mehr Kulturprogramme senden. Das ist für uns nicht gefährlich. Dann kann es in der Primetime Wettbewerb geben zwischen zwei guten Filmen oder zwei Theaterstücken. Und wenn die Zuschauer sagen, Fernsehen sei nicht nur Unterhaltung oder Information, sondern auch ein Ort mit etwas Kultur, dann ist das auch für ARTE gut.

Auch ARTE hat Probleme, junge Zuschauer zu gewinnen und sucht unter dem Label „Arte global“ auch verstärkt den Weg über das Internet.

Das Internet ist für uns ein Stück der Antwort, und wir verstehen absolut nicht, was da in Deutschland passiert. Die deutsche Debatte ist für uns ganz exotisch. Wir sehen, dass unser Programm über „ARTE +7“ ein jüngeres Publikum findet. Nicht die Teenager, aber junge Erwachsene. Warum also nicht ins Internet gehen und zwar so schnell wie möglich?

In welchem Umfang geht ARTE ins Internet, und wie wird dieser neue Verbreitungsweg finanziert?

Wir haben über „ARTE +7“ jetzt etwa die Hälfte der Programme im Netz, Ende nächsten Jahres wird man dort fast alles finden, Kino natürlich ausgenommen und Produktionen, für die keine Internetrechte vorliegen. Wir müssen jedenfalls ausreichend Programm im Netz haben. Wenn jemand ins Netz kommt und nicht findet, was er sucht, dann kommt er vielleicht noch ein zweites Mal, aber sicherlich kein drittes Mal mehr. Wir haben bei ARTE France auch schon einige Produktionen, die extra für das Internet hergestellt werden. Der Weg ins Internet ist eine ganz normale Entwicklung. Unser Gesellschafter, der Staat, fordert uns geradezu dazu auf. Darüber gibt es in Frankreich überhaupt keine Diskussion.

„Kontakt mit dem Publikum“

Wie hoch ist der finanzielle Aufwand?

Wir haben wenig Geld dafür. Wir nehmen die Mittel nicht aus den Gebühren, sondern müssen sie aus unseren Gewinnen auftreiben, über Programmverkauf, Finanzanlagen oder DVD-Editionen. Wir entscheiden selbst darüber, wo wir das Geld hernehmen. Aber es handelt sich auf jeden Fall um weniger als 0,7 Prozent des Etats.

Was bedeutet das Engagement im Internet für die Programmentwicklung?

Bei den fiktionalen Programmen wird sich nicht viel ändern. Aber bei den Magazinen und Dokumentationen schon eher. Vor allem durch die Interaktivität bekommen wir eine neue Möglichkeit zum Kontakt mit dem Publikum. Das ist ein spezifisches Problem von ARTE. Der Sender ist zweisprachig, Moderationen und Debatten sind schwierig. Die Zuschauer mögen kein Voice-over. Und Fernsehen ist heute in allen Ländern mehr national als je zuvor, mehr lokal als je zuvor. Als ich 20 Jahre alt war, hieß es, Fernsehen sei ein Fenster zur Welt. Jetzt ist es ein Fenster zu meinem Bauchnabel. Etwas zugespitzt ausgedrückt: Die Leute schauen Fernsehen, um Leute wie sie selbst zu sehen. Die Zuschauer halten ARTE durchaus für gutes Fernsehen - das aber mehr ihre Vernunft als ihre Emotionen anspricht. Die Zuschauer haben wenig gefühlsmäßige Bindung zum Programm. Ich glaube, dass wir über das Internet einen Austausch zwischen Sender und Publikum herstellen können und dass die Beziehungen so etwas wärmer werden können. Das ist für uns wichtig als für einen nationalen Kanal.

epd medien Nr. 52 vom 2. Juli 2008






 
 

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