Donnerstag, 20. November 2008, 18:52:17 Uhr, NZZ Online
cer. (Wien) Der Herausgeber des österreichischen Massenblattes «Kronen-Zeitung», Hans Dichand, soll einmal gesagt haben, an Macht sei er nicht interessiert. Er sitze lieber zu Hause und streichle seinen Hund. In Wahrheit ist Dichand einer der mächtigsten Männer im Staat, möglicherweise auch der mächtigste. Bei der Behauptung, er streichle lieber daheim sein Haustier, als über Sein und Nichtsein von Politikern und Parteien zu befinden, handelt es sich, bestenfalls, um eine liebenswerte Koketterie des alten Herrn. Vielleicht ist dieser Ausdruck falscher Bescheidenheit auch nicht mehr als blanker Zynismus.
Denn jetzt, im Alter von 87 Jahren, hat Dichand, der Demütige, den Zenit seiner Macht erreicht. Der im Abstieg befindliche Bundeskanzler Alfred Gusenbauer und der im Aufstieg befindliche Parteichef der SPÖ Werner Faymann machten mit ihrem gemeinsamen Leserbrief einen Kotau vor der europafeindlichen «Krone» und der euroskeptischen Mehrheitsmeinung. Die beiden SPÖ-Politiker haben mit dieser Aktion den Übernamen «Krone-Prinzen» redlich verdient. «Onkel Hans», so spricht der medienbewusste Faymann seinen Mentor an, regiere jetzt die Republik, stellen die Kommentatoren fest. Dichand sei zur «übergeordneten Verfassungsinstanz» avanciert. Er selbst verlieh in der «Krone» unter dem Pseudonym «Cato» seiner allerhöchsten Genugtuung Ausdruck – selbstverständlich im Plural der Majestät (oder der Bescheidenheit): «Gelassen führen wir den Kampf um unser Vaterland Österreich weiter.»
Aussenministerin Ursula Plassnik (ÖVP) habe allerdings vor einem Jahr sein Angebot verschmäht, Partei und Regierung zu retten, offenbarte Dichand kurz darauf. Sie hätte sich doch bloss in der «Krone» zu einem Referendum über den EU-Reformvertrag bekennen müssen. Plassnik lehnte damals empört ab; jetzt bezichtigt sie Dichand entrüstet des Vertrauensbruchs. Die kühnen Machtspiele des Medienkaisers gelingen manchmal, aber nicht immer. Hans Dichand konnte beispielsweise Bundespräsident Kurt Waldheims Wiederwahl mit seiner Medienkampagne ebenso wenig durchsetzen, wie er Wolfgang Schüssels Koalition mit Jörg Haider verhinderte.
Hans Dichand stammte aus ursprünglich wohlhabenden Verhältnissen, doch wirtschaftliche Unbilden stürzten die Familie in die Misere. Im Barackenlager bei Graz, wo er aufwuchs, träumte er schon mit 14 Jahren davon, Journalist zu werden. Er machte eine Lehre als Schriftsetzer und holte die Matura in einer Abendschule nach. Im Zweiten Weltkrieg meldete er sich freiwillig zur Kriegsmarine. Als «Krone»-Herausgeber war es ihm später ein Bedürfnis, gegen die vermeintliche «Verunglimpfung» der Kriegsgeneration und angebliche «Kollektivschuld-Vorwürfe» anzukämpfen. Jahrzehntelang war allerdings die Berichterstattung der «Krone» auch von antisemitischen Untertönen geprägt, bis die deutsche WAZ als neue Mitbesitzerin diesem Treiben Einhalt gebot.
Im Jahre 1946 wurde Dichand Chefredaktor einer Provinzzeitung, später leitete er die «Kleine Zeitung» und wurde dann Chefredaktor des «Neuen Kuriers». Im April 1959 lancierte Dichand mit der finanziellen Unterstützung des Gewerkschaftsbosses Franz Olah die «Kronen-Zeitung». Dank einfachen Erfolgsrezepten ist die «Krone» mit einer Reichweite von 43 Prozent längst die mächtigste Tageszeitung Österreichs; mit ihren fast drei Millionen Lesern lässt sie sich gern als grösste Zeitung der Welt titulieren – im Verhältnis zur Einwohnerzahl Österreichs.
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