Der Fall dürfte in der deutschen Justizgeschichte mindestens Seltenheitswert haben. Die Redaktion der Berliner Zeitung klagt - gegen ihren eigenen Chefredakteur Joseph Depenbrock. Doch die Doppelfunktion von Josef Depenbrock als Geschäftsführer und Chefredakteur der "Berliner Zeitung" ist zulässig. Das hat das Berliner Arbeitsgericht verkündet. Aus dem vereinbarten Redaktionsstatut ergäben sich keine Ansprüche, um die Personalunion zu verhindern.
Nach der Übernahme des Verlages durch den Medieninvestor David Montgomery hatten Redaktion und Verlagsspitze Regelungen für die Zusammenarbeit getroffen. Die Redaktion habe ein Mitspracherecht, könne aber die Ernennung des Chefredakteurs nicht verhindern, erklärte das Gericht.
Genauer: Dagegen, dass er in Personalunion Chef der Redaktion und Geschäftsführer der BV Deutsche Zeitungsholding (Berliner Zeitung, Berliner Kurier, Hamburger Morgenpost, Netzeitung) ist, in dem das Blatt erscheint.
Die Journalisten wollen einen Gerichtsbeschluss darüber, dass die beiden Funktionen nicht in einer Person vereinigt sein dürfen. Das entspreche auch dem Redaktionsstatut, das diese Zeitung - als eine der letzten in der Republik - noch besitzt.
Die Chancen auf einen Erfolg der Redakteure waren ohnehin gering. Vermutlich konnte das Unternehmen geltend machen, dass ein Verbot der Personalunion ein Eingriff in die Geschäftspolitik und die Autonomie des Konzerns wäre. Im Falle einer Niederlage hätten die Kläger ohnehin damit rechnen müssen, dass das Verfahren durch die Instanzen gegangen wäre.
Es spricht nicht wenig dafür, dass Montgomery in Depenbrock den Exekutor seiner Pläne sah - aus dem Verlag möglichst viel Rendite herauszuholen. Die Rede ist immer wieder von 20 Prozent, die der Brite den Anteilseignern seiner börsennotierten Mecom Holding in Aussicht gestellt habe.
Wie diese Marge zu erreichen sei, darüber rätselt nicht nur die Redaktion der Berliner Zeitung. Sie aber soll offenbar die Hauptlast bei den Einsparungen tragen, die Montgomery zum Erreichen der Rendite als notwendig anzusehen scheint. Dabei wurde dem Berliner Verlag die Tilgung der Kredite aufgebürdet, die Mecom für den Kauf aufnehmen musste: Ein Modell, das bei Finanzinvestoren üblich scheint. Gerade so verfuhren KKR und Permira, die neuen Eigner von ProSieben-Sat.1: Sie überhäuften die Sendergruppe mit Schulden - und schütteten dennoch eine üppige Dividende an die Aktionäre aus.
In Berlin sollen von jetzt 130 Redakteuren gerade mal 90 übrig bleiben, und zum Erstaunen aller hat Joseph Depenbrock jüngst verkündet, dass die online-Strategie revidiert werde. Die Netzeitung soll doch nicht mit dem Newsroom der Berliner Zeitung zusammengelegt werden: Das leere Büro wirkt nun wie ein Symbol.
Die Redakteure hatten die Klage gegen Depenbrocks Doppelrolle damit begründet, dass die journalistische Arbeit vom kaufmännischen Bereich getrennt werden müsse. Dies ergebe sich aus den Arbeitsverträgen sowie aus dem Redaktionsstatut. Seit Depenbrocks Antritt seien immer wieder die Grenzen zwischen redaktionellem Inhalt und Werbung missachtet worden, sagte Redakteursvertreter Thomas Rogalla.
Als Beispiel nannte Rogalla Werbeaktionen, die nicht als solche für den Leser erkennbar gewesen seien. Depenbrock sei als Chefredakteur kaum präsent und nicht in der Lage, beide Rollen richtig auszufüllen. Das Redaktionsstatut sei vereinbart worden, um mit der Übernahme durch die Finanzinvestoren die Qualität des Blattes zu halten, sagte Redakteur Ewald Schulte.
Dagegen erklärte Depenbrock nach der Verhandlung, durch seine Doppelfunktion habe er einen weitaus größeren Entscheidungsspielraum. "Ich kann selber bestimmen und muss niemanden fragen", sagte er.
Er wies Berichte zurück, wonach es Montgomery ausschließlich um kurzfristige Renditeziele gehe. "Wir wollen die Zeitung langfristig halten". Er sei sich der angespannten Lage in der Redaktion bewusst, halte aber am Sparkurs fest.
"Ich mache meine Entscheidungen nicht davon abhängig, ob wir Frieden haben werden oder nicht" sagte Depenbrock und fügte hinzu: "Wir sind keine Wohlfühlgruppe". Es gebe zur Zeit Gespräche mit dem Betriebsrat über die künftige Zahl der Ressorts und der notwendigen Stellen. Verdi-Vertreter Martin Dieckmann kündigte einen Arbeitskampf an, falls Depenbrock an seiner Absicht festhalte, jede dritte Redakteursstelle zu streichen.
Die Redakteure der "Berliner Zeitung" kämpfen auf eine ganz eigene Art. "Verleger gesucht", heißt es in einer Anzeige, die sie in der "taz" schalteten - und in der sie auf ironische Weise ihren Unmut über Eigentümer David Montgomery zum Ausdruck bringen.
Die "Berliner Zeitung" ist mit eine Auflage von rund 170.000 Exemplaren die auflagenstärkste Abonnentenzeitung Berlins. Das einstige SED-Blatt war nach der Wende vom Medienhaus Gruner+Jahr übernommen worden, das es dann an Montgomery verkaufte. Zur Mecom Group gehören auch Blätter in den Niederlanden, Skandinavien und Polen. mit dpa, ddp


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