Der Zimmermann erzählt gern die Geschichte vom Tischler: Da gibt es diesen Kunden, er hat einen Tisch in Auftrag gegeben. Der Tischler liefert und hinterlässt die Rechnung. Wochen später wartet er noch immer auf sein Geld, er ruft den Kunden an und fragt nach. Des Kunden Antwort: "Wir haben noch nicht am Tisch gesessen. Ich werde überweisen, sobald wir ihn benutzt haben."
Der Zimmermann weiß, dass Tischler so etwas nicht erleben. Aber freie Journalisten. Sie stellen ihre Texte her, sie feilen auf Wunsch noch einmal nach, hobeln die ein oder andere Stelle glatt und liefern an Verlage und Redaktionen. Und dann? Bezahlt wird oft erst nach Abdruck, auch bei Auftragsarbeiten.
Manchmal liegen Texte Monate lang in den Redaktionen, manchmal werden sie gar nicht mehr gedruckt, und in seltenen Fällen werden sie entkernt: Die Idee bleibt in der Redaktion, der freie Journalist auf der Strecke, ohne Honorar.
Solche Fälle gibt es, weiß der Zimmermann. Er kennt die Geschichten enttäuschter Schreiber vom Hörensagen, aber auch aus eigener Erfahrung. Der Zimmermann ist nämlich kein Zimmermann, er heißt nur so, trägt den Vornamen Felix und lebt seit dem Ende seiner Ausbildung an der Henri-Nannen-Schule 2001 als freier Journalist.
Anfang des Jahres hat der 34-Jährige vom Netzwerk "Weltreporter" gemeinsam mit Kai Schächtele (ebenfalls "Weltreporter") und Tobias Zick (Verbund "Plan 172") eine Initiative gegründet, die der Schar der freien Journalisten - bundesweit sollen es an die 20.000 sein - eine Stimme und auch Gehör verleihen soll. Fünfhundert Schreiber haben sich bisher auf der Homepage freischreiber.de registriert, diskutieren online und veranstalten Regionaltreffen.
Am 15. November soll ein bundesweiter Gründungskongress stattfinden, dann geht die Initiative in eine feste Struktur über, vermutlich in einen Verein. Die Freischreiber-Initiative läuft nicht unter dem Dach einer der beiden großen Journalistenverbände, dju und DJV. Man suche keine Abgrenzung zwischen festen und freien Journalisten, sagt Zimmermann, aber die Interessen ließen sich in einer eigenen Struktur am besten vertreten.
Die renommierten Journalistenverbände bewegen sich nun zwischen Zähnefletschen und Schmusekurs. dju-Bundesgeschäftsführerin Ulrike Maercks-Franzen begrüßt zwar "jeden Ansatz, für die eigenen Interessen aktiv zu werden", doch sie wünscht sich ein Engagement der freien Journalisten im Rahmen der dju-Strukturen. Die Verbände reagieren teils hektisch, nehmen eilig neue Angebote für freie Journalisten ins Programm.
Bei der Freischreiber-Initiative kursieren jedoch auch die Geschichten über schlechte Erfahrungen mit den Verbänden. Es überwiegen allerdings die Negativberichte im Umgang mit Redaktionen und Verlagen. Viele sehen sich als Einzelkämpfer oft auf verlorenem Posten. Das soll sich nun ändern. Felix Zimmermann fordert ein besseres "Miteinander von Freien und Festen" Zudem müsse etwas gegen das stetige Sinken der Honorare getan werden, ebenso auch gegen Buy-Out-Verträge.
Im Online-Bereich sieht Zimmermann "Honorare auf Taschengeldniveau trotz steigender Umsätze durch Anzeigenerlöse". Der Zeilenlohn von freien Lokaljournalisten sei oft so schlecht, dass viele Nebenjobs annehmen müssen. Der freie Journalist - ein armes Schwein?
Tiere sind gut für Kampagnen. Das arme Schwein wäre wohl aber zu plakativ. So setzen die drei Initiatoren lieber auf den Waschbär. Denn der sei in etwa so wie ein freier Journalist: Unglaublich weit verbreitet, stetig in Vermehrung und dennoch in der öffentlichen Wahrnehmung ein unbekannter Exot.
www.freischreiber.de


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