Sarkozys Medienpolitik

In der Höhle des Löwen

Von Jürg Altwegg, Genf

Lehrt Journalisten gutes Benehmen: Sarkozy im TV-Interview

Lehrt Journalisten gutes Benehmen: Sarkozy im TV-Interview

03. Juli 2008 Die Atmosphäre ist ausgesprochen gespenstisch. Am Tisch sitzen Nicolas Sarkozy, zwei Journalistinnen, die kein Wort sagen, der renommierte Journalist Gérard Leclerc und Paul Nahon, der Informationschef von FR3. FR3 ist der kleine öffentlich-rechtliche Regionalsender mit einem nationalen Informationsprogramm um neunzehn Uhr. Vor Jahresfrist war Sarkozy schon einmal da. Als Präsidentschaftskandidat. Er beschimpfte die Journalisten und drohte dem Chefredakteur öffentlich mit seiner Entlassung.

Für den Auftritt bei FR3 hatte er sich jetzt entschieden, um den Franzosen in der Tiefe der Provinz zu Beginn der französischen EU-Präsidentschaft Europa wieder etwas schmackhafter zu machen. Er wurde mit offener Feindseligkeit empfangen. Die Mitarbeiter sind wegen der Abschaffung der Werbung aufgebracht, die Kassen sind schon ziemlich leer. Die angekündigte Reform von FR3 wird Hunderte von Arbeitsplätzen kosten. „Ich bin hier offenbar in eine Demonstration geraten“, erklärte Sarkozy beim Betreten des Gebäudes. Alles wurde gefilmt. Und die zehn Minuten im Studio vor Beginn des Interviews sind schon am Tag danach im Internet zu finden.

Provozierende Penetranz

Sarkozy sitzt da und schaut immer wieder auf die Uhr. „Geht sie richtig?“, fragt er und stimmt die Zeit der Studiouhr mit seiner Armbanduhr ab. Noch sieben Minuten. Er wird geschminkt und bekommt ein Tuch für den Schweiß. Die Journalisten sagen kein Wort. Der Techniker installiert das Mikrofon. Sarkozy grüßt ihn mit fast schon provozierender Penetranz. Und bekommt keine Antwort. „Wenn man eingeladen wird, hat man doch wohl Anrecht auf eine Begrüßung“, kommentiert er das Schweigen. „Eine Frage der Kinderstube“, fügt er hinzu. „Unglaublich“ sagt er ein paar Schrecksekunden später und verdreht die Augen, „aber schlimm.“ Und schließt: „Das wird sich ändern.“ Nur langsam verstreichen die Minuten.

„Schönes Studio hier“, frotzelt der Präsident: Alles neu! Der Informationschef erklärt, dass alle FR3-Studios ein einheitliches Dekor bekommen haben. „Schön, dich zu sehen“, sagt er zu Gérard Leclerc. „Wie war es denn, als sie dich kaltgestellt hatten?“ Leclerc hat in „Le Monde“ gerade eine Petition gegen die Abschaffung der Werbung und gegen die drohende Abwicklung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens unterschrieben. In Ungnade gefallen war er noch unter dem Präsidenten Chirac: „Ich habe damals gegen seine Kaltstellung protestiert“, sagt Sarkozy wie zu sich selber.

„Die Sendungen könnten besser sein“

Das nervöse Warten hat eine Ewigkeit gedauert. „Sie sind erst der zweite Präsident der Fünften Republik, der zu uns ins Studio kommt“, beginnt der Senderchef: „Das zeigt nur, welche Bedeutung ich FR3 und France2 beimesse“, fällt ihm Sarkozy umgehend ins Wort. Sein Strahlen zeigt, wie stolz er auf seine erste Replik ist. Zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wird er erst ganz am Schluss befragt.

Ja, er werde den Chef bestimmen. Er ganz allein. Und dann verspricht Sarkozy noch, seine finanziellen Versprechungen „bis auf den letzten Eurocent“ wahr zu machen. „Die Sendungen könnten besser sein.“ Als Antwort auf die letzte Frage, ob er sie denn vielleicht lieber selber machen wolle, hebt er nur noch vielsagend die Hand.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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