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26.03.2008    11:56 Uhr Drucken  |  Versenden  |  Kontakt
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Rusbridger, Guardian
Alan Rusbridger ist Chefredakteur des "Guardian". Foto: Guardian vergrößern

Interview zur Zukunft des Journalismus (11)

"Die Lage ist sehr schwierig"

Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger spricht im Interview über gefährliche Nachrichten-Monopole, aggressive Expansion und chinesische Blogger im Kampf gegen die Zensur.
Von Peter Littger und Stephan Weichert

"Zeitenwechsel" - eine Serie zur Zukunft des Journalismus geht Trends in der Presse und im Internet nach. Zusammen mit dem Berliner Institut für Medien- und Kommunikationspolitik bereitete sueddeutsche.de in den letzten Wochen Interviews mit namhaften Experten auf. Dies ist die letzte Folge der Serie. Alle bisher geführten Interviews sind weiterhin unter sueddeutsche.de/zeitenwechsel abrufbar.

sueddeutsche.de: Wie beurteilen Sie den Zustand der Qualitätspresse?

Alan Rusbridger: Die Lage ist sehr schwierig. Bei uns in Großbritannien - und wahrscheinlich auch bei Ihnen - können wir uns nur noch mit Hilfe einer Mischkalkulation am Leben halten. Denn es gibt kein schlüssiges Geschäftsmodell mehr, das es uns erlaubt, den journalistischen Auftrag ohne Zusatzgeschäfte zu erfüllen. Wir sind gezwungen, uns neue Wege ausdenken, um Geld zu verdienen. Das gelingt zum Teil ganz gut, so dass ich weiterhin Grund habe, optimistisch zu sein. Viele Zeitungen entwickeln mit viel Enthusiasmus und auch Aggressivität digitale Angebote und finden sogar zu einem spannenden, internetgerechten "Story-Telling". Allerdings kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie alle überleben werden, weil das Internet keine ausreichende Grundlage bietet, um alle zu finanzieren.

sueddeutsche.de: Ist der Trend hin zur Gratispresse unaufhaltsam?

Rusbridger: Ja. Ich glaube fest, dass Vertriebserlöse im Geschäftsmodell der Zeitungen keine Zukunft haben. Uns bleiben nur das Anzeigengeschäft und alternative Einnahmen. Die New York Times hat aus meiner Sicht ein großes Problem, weil sie bisher kein überzeugendes Konzept für neue Einnahmemodelle entwickelt hat. Ganz anders die Washington Post, die ihr Geschäft schon sehr gut diversifiziert hat und zum Beispiel im 'Education Business’ gutes Geld verdient. Auch der Guardian hat neue Geschäftsfelder entdeckt oder ausgebaut: Unser hochlukratives Gebrauchtwagenmagazin und Onlineportal www.autotrader.co.uk, aber auch die Regionalzeitungen oder Radiostationen werfen satte Gewinne ab, die wir für den Qualitätsjournalismus wieder ausgeben.

sueddeutsche.de: Wir unterstellen hier die ganze Zeit, dass es eine "Qualitätspresse" gibt. Das würde bedeuten, dass es unterschiedliche Qualitätsstufen von Journalismus gibt. Stimmt das - und wenn ja, wie definieren Sie Qualitätspresse?

Rusbridger: Der Level der Qualität ergibt sich aus der Bereitschaft und der Fähigkeit einer Redaktion, über die Komplexität des Lebens zu berichten. Die Boulevardblätter, die wir immer noch Tabloids nennen, vereinfachen alles, manchmal in einem unerhörten Maße. Qualitätsblätter gehen davon aus, dass sie der Vielschichtigkeit des Lebens, der Politik und aller anderen Bereiche gerecht werden müssen und versuchen es so gut sie können.



» Wichtig ist, dass die gebührenfinanzierten Medien nicht die anderen verdrängen. «

Alan Rusbridger

sueddeutsche.de: Der Guardian ist mit der Einführung des so genannten "Berliner Formats" vor fast drei Jahren selber von einem "Broadsheet" zu einem "Tabloid" geworden. Was hat Ihnen die Umstellung gebracht?

Rusbridger: Wir haben bewiesen, dass wir imstande sind, mit unserer Berichterstattung weiterhin der Komplexität des Lebens gerecht zu werden. Nur weil wir jetzt ein kleineres Format haben, befinden wir uns noch lange nicht in einer Vereinfachungs-Falle. Im Gegenteil: Unsere Möglichkeiten haben sich verbessert: Ich finde das Berliner Format wunderbar, weil es uns erlaubt, großformatige Fotos und große Mengen Text miteinander zu kombinieren. Außerdem nutzen wir durchgehend den Vollfarbdruck. Alle Konkurrenten müssen jetzt nachziehen. Aber die Auflage hat sich leider nicht wesentlich verbessert. Der Independent, der zuerst ein kleineres Format einführte, büßte seit der Umstellung jedes Jahr über 12 Prozent seiner Auflage ein. Unsere verkaufte Auflage war ebenfalls rückläufig, im vergangenen Jahr um circa drei Prozent. Ich habe also gelernt: Ein Formatwechsel ist noch keine Wunderwaffe.

sueddeutsche.de: Wo liegt die größte Verantwortung für die Qualität von Journalismus: in der Redaktion oder im Management einer Zeitung?

Rusbridger: Letztendlich immer in der Redaktion.

sueddeutsche.de: Könnten Sie sich vorstellen, dass die Presse irgendwann durch echte Subventionen am Leben gehalten wird, also: Steuergelder, öffentlich-rechtliche Gebühren oder Geld reicher Stiftungen?

Rusbridger: Der Guardian wird seit 1932 von einer Stiftung geführt: Dem Scott Trust. Darüber bin ich heilfroh, weil die Guardian Media Group am Ende des Tages nicht gewinnorientiert arbeiten muss, sondern gerade deswegen Überschüsse in journalistische Qualität reinvestieren kann. Staatsgelder für die freie Presse zu verwenden, ist ein Widerspruch in sich. Anders könnte das mit öffentlich-rechtlichen Gebühren aussehen, mit denen wir die BBC und Sie ARD und ZDF finanzieren. Da diese Sender immer mehr Online-Inhalte produzieren, kommen sie uns Zeitungen ohnehin mit dem, was sie tun, sehr nahe. Der britische Sender Channel4, der keine Gebührengelder erhält, aber sehr ähnlichen Standards wie die BBC entsprechen muss, hat vorgeschlagen, einen Teil der BBC-Gebühren für einen öffentlichen Fond einzusetzen, mit dem hochwertige journalistische Inhalte finanziert werden könnten. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass es irgendwann einen Topf gibt, an dem alle partizipieren, die Qualität wollen. Schließlich haben alle, die Qualitätsmedien schaffen, einen öffentlichen Auftrag!

sueddeutsche.de: Heißt das vielleicht, dass am Ende das öffentlich-rechtliche Modell das einzige ist, das Qualität liefern kann?

Rusbridger: Das wissen wir heute noch nicht. Wichtig ist jedenfalls, dass die gebührenfinanzierten Medien nicht die anderen verdrängen. Wir beobachten zum Beispiel gerade im Lokalen, dass die BBC ihre Berichterstattung stark ausbreitet und damit die Lokalzeitungen bedroht. Wenn das so weiter geht, vernichtet die BBC die Chance der Regionalzeitungen, sich zu wandeln und letztendlich zu überleben. Es wäre aber gut, wenn die Regionalzeitungen ohne Subventionen auf einer wirtschaftlichen Basis überleben. Es darf nämlich am Ende nicht nur einen Nachrichtenanbieter geben. Ein Nachrichtenmonopol, selbst eines der BBC, ist immer eine sehr gefährliche Sache. Die BBC ist eine wunderbare Einrichtung. Aber sie ist längst nicht unfehlbar, und wir dürfen sie auch nicht überschätzen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, ob es sinnvoll sein kann, Qualitätsjournalismus staatlich zu fördern.


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Leserkommentare (20)



20.06.2008 08:33:02

habl_kunst: Bürger-Berichterstatter-Blogs

Ich berichte seit ca. 2 Jahren im Internet aus meiner Heimat und bin so etwas wie ein bunter Hund geworden,nicht geliebt,nicht gefürchtet aber ernst genommen.

Meine Beiträge erscheinen auf verschiedenen Onlineplattformen und in Printmedien.

Ein Erfog war die Aufmerksamkeit der etablierten Zeitungen zu erregen. Jetzt wird "Mit- und abgeschrieben" die Leser sind kritischer geworden und glauben diverse Meldungen erst nach einem Vergleich. Das Mittel KOMMENTIAR ist hier der Zaubertrank. Die Parteien haben es entdeckt und mittlerweile findet mehr Meinungsbildung in diesen Bereichen statt als im Artikel selber.

Zu China fällt mir nur das alte Mittel der Bildinformation ein - Nur Eingeweihte können die Botschaften entschlüsseln, das war zu Kaisers Zeiten schon bewährte Informationsverbreitung und findet heute wieder geschickt versteckt statt. Da müsste der Staat dann alle Bilder zensieren und die eigene Propaganda dazu.

Die Kunst wir hier immer Mittler zwichen den Welten sein.

Ich verstehe mich als "Heimatkünstler" nur dass heute die Kamera das Aquarellbuch und der Blog das Notizheft ersetzt. Dauerhaft im Internet verankert entstehen Bilder der Zeitgeschichte In meinem Fall eben ganz autobiografische.

Print und Digitalmedien müssen zusammen wirken - Der Mensch braucht was handfestes.

mit goldenem Gruß

Manfred Habl

www.das-goldene-klo.de


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