Sind Fotografen die besseren Journalisten? Ein versuchtes Pro und Contra
Heike Rost, Fotografin:
„Was können wir dem Leser zumuten? Muss er Bilder von toten Babys sehen? Liegt das Heft nicht auch dekorativ auf den Kaffeetischen der Nation? Blättern nicht Kinder in den Heften?“
Es ist eine bedrückende Fotoreportage, die Matthias Krug von der Bildredaktion des SPIEGEL ausführlich kommentiert. Christian Werner, Student an der FH Hannover (Fotojournalismus und Dokumentarfotografie) hat sich 2012 auf eigene Faust auf den Weg in den Irak gemacht, um die Folgen des Kriegs zu dokumentieren. Seine Bilder entstellter Kinder, die mit schweren Missbildungen zur Welt kamen, tot geboren und auf einem riesigen Kinderfriedhof in Basra beerdigt worden sind, wurden jetzt im SPIEGEL veröffentlicht – mit einem ausführlichen Text des SPIEGEL-Korrespondenten Alexander Smoldtczyk.
Unabhängig von der Frage „…darf man …“ (die ich persönlich mit Ja beantworte) hat sich auf meinen Facebook-Profil durch den geteilten Link eine interessante Debatte ergeben. Torsten Meise kommentierte: „…wieder einmal ein Beleg für die These, dass Fotografen mittlerweile die Arbeit der schreibenden Kollegen übernommen haben (Recherche, Reportage vor Ort etc.).“
Im Grundsatz gebe ich Torsten Recht; denn diese Konstellation ist seit langem öfter Regel als Ausnahme, meist den Etatzwängen und der Sparwut in Redaktionen geschuldet. Andererseits spricht für mich als Fotografin aus vielen Gründen nichts dagegen, komplette Geschichten zu liefern.
Enge, möglicherweise kongeniale Teamarbeit zwischen Text- und Bildautor ist selten: Kurzfristig für eine Reportage zusammengestellte Teams bergen sowohl das Risiko des Nichtfunktionierens auf allen Ebenen – als auch die Möglichkeit wunderbarer Zusammenarbeit. Realistisch und weitaus häufiger ist allerdings die erste Variante: Das Zusammenspiel klappt nicht, die Geschichte hingegen mit Ach und Krach, Text-Bild-Scheren inbegriffen. Oft genug kommt aus Redaktionen nur ein knappes Briefing mit einer Motivliste, eventuell eine Telefonnummer des Autors, sehr selten ein Text. Dem Fotografen lässt das in etwa den Spielraum eines dressierten Äffchens. Alles zusammen beruht – freundlich umschrieben – möglicherweise auf einer Reihe liebevoll gepflegter Missverständnisse über unterschiedliche Mentalitäten von Text- und Bildautoren. (Kurz und direkt: Manche Redaktionen und ihre Mitarbeiter halten Fotografen grundsätzlich für merkwürdige Wesen aus einer Parallelgalaxie, mit einem einzelligen Gehirn, das hoffentlich im richtigen Moment den Reflex zum Fingerkrümmen aktiviert.) Als Fotograf ist man darüber hinaus in manchen Situationen „dicht dran“ ist. Bisweilen möglicherweise dichter – und die ein oder andere erzählenswerte Geschichte begegnet einem auch während der Arbeit an einem ganz anderen Thema.
Gründe genug, die für eine Kombination aus Text und Bild sprechen. Aber da Ausnahmen wie immer die Regel bestätigen, anbei zwei persönliche Killerkriterien für diese Kombination: Der wichtigste Grund ist paradoxer Weise ein Baustein meiner Pro-Argumente. „Dicht dran“ als Fotograf beinhaltet aus den unterschiedlichsten Gründen immer auch das Risiko des „zu dicht dran“. Wer als Fotograf nicht eine gewisse professionelle Distanz zum abgebildeten Thema wahrt, ist selten ein überzeugender Textautor. Und Bildjournalisten, die ungern schreiben und ungeübt im Umgang mit Sprache sind, sollten das auch besser bleiben lassen: Beides zugunsten der Geschichte, denn Autoren, die Bild und Sprache auf gleichermaßen hohem Niveau beherrschen, sind sehr selten.
Torsten Meise, Journalist:
Fotografen scheinen immer öfter mit den besseren Geschichten zu kommen. Vielleicht, weil sie eh nichts mehr zu verlieren haben?
Als ich vor 30 Jahren als Lokalreporter unterwegs war, musste ich am Wochenende auch Bilder mitbringen. Einen Fotografen zu jedem Karnickelzüchterverein oder Kreisligakick zu schicken, war schon damals in den Etats nicht enthalten. Für mich hieß das: den halben Sonntag vor der Schreibmaschine und die andere Hälfte des Tages in der Dunkelkammer verbringen. Ich habe es gehasst. Ich habe die Dunkelkammer gehasst, aber auch dieses Multitasking vor Ort, weil ich entweder zu wenig Zeit für ein gutes Bild hatte – oder zu wenig Zeit , um alle Infos zu bekommen.
Seitdem genieße ich jeden Termin, den ich mit einem Fotografen gemeinsam machen kann. Fotografen sind auch meistens gute Smalltalker und reden gerne und ausgiebig darüber, wen oder was sie gerade wieder vor der Kamera hatten. Das entlastet mich, denn ich muss mich an irgendwelchen Schwätzchen nur durch gelegentliches Nicken oder Nuscheln beteiligen. Das kommt mir entgegen.
Aber auch das ist vorbei. Denn ich muss schon lange überlegen, wann ich zuletzt einen Termin gemeinsam mit einem Fotografen gemacht habe. Eigentlich mache ich gar keine Termine mehr. Es verlangt auch kaum noch jemand, und bezahlen will es eh keiner mehr.
Ich glaube, hier liegt ein wesentlicher Grund, warum es in letzter Zeit eher Fotografen sind, die aufwändige Recherchen betreiben, Geschichten ausgraben und tolle Reportagen machen. So wie Christian Werner.
Wir erleben derzeit eine Renaissance der Fotoreportage, erweitert um bewegte Bilder und nicht selten konzipiert für die Verbreitung im Web. Wer sich die Multimedia-Dokumentationen der amerikanischen Agentur Mediastorm ansieht, kommt aus dem Staunen kaum noch heraus. Gleiches gilt für den dänisch-deutschen Bombay Flying Club.
Ich weiß nicht, wie sich solche komplexen Arbeiten finanzieren, wenn man nicht gerade ein öffentlich-rechtliches Medium als Partner hat, aber reich werden die Menschen hinter der Kamera damit ganz sicher nicht, trotz Filmförderung oder irgendwelcher obskuren Stipendien. Und hier liegt ein weiterer Punkt: Da es für Fotojournalisten und Dokumentarfilmer ökonomisch noch mieser aussieht als für uns Schreibende, gibt es dort möglicherweise weniger Hemmungen, sich mal so richtig komplett selbst auszubeuten, ohne Rücksicht auf Verluste. Und Not macht bekanntlich auch erfinderisch. Wenn ich an meine Gespräche der vergangenen ein, zwei Jahre zurückdenke, dann kamen mir Kolleginnen und Kollegen von der Bildseite fast durchgehend aktiver, leidenschaftlicher, kreativer und produktiver vor als viele Journalisten.
Möglicherweise ist das eine Mentalitätsfrage. Fotografen müssen immer “nah dran” sein, wie Heike Rost sagt. Sie haben deshalb oft eine andere, direktere Herangehensweise als wir Schreibenden.
Aber es gibt eventuell auch eine ökonomische Komponente. Während wir Schreiberspießer noch hin und wieder den Anspruch äußern, mit unserer Arbeit auch eine Familie ernähren zu wollen, haben sich manche Fotografen davon möglicherweise längst verabschiedet, ich weiß es nicht. Aber wer monatelang Geschichten verfolgt oder wochenlang durch die Welt reist, um ein paar Bilder zu veröffentlichen, muss unter den heutigen Bedingungen jeglichen ökonomischen Realitätssinns beraubt sein.
Dass es trotzdem Fotografen gibt, die das immer wieder tun, ist ebenso wunderlich wie bewundernswert. Für uns Journalisten sollte das ein Tritt in den Hintern sein.
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Die SPIEGEL-Reportage als PDF, ca. 1 MB
Der Blog-Beitrag von Matthias Krug/Bildredaktion SPIEGEL
Die Facebook-Debatte.
Ein Beitrag von Torsten Meise:

