Sind Fotografen die besseren Journalisten? Ein versuchtes Pro und Contra

Veröffentlicht am Freitag, 04. Januar 2013

Heike Rost, Fotografin:

„Was können wir dem Leser zumuten? Muss er Bilder von toten Babys sehen? Liegt das Heft nicht auch dekorativ auf den Kaffeetischen der Nation? Blättern nicht Kinder in den Heften?“
Es ist eine bedrückende Fotoreportage, die Matthias Krug von der Bildredaktion des SPIEGEL ausführlich kommentiert. Christian Werner, Student an der FH Hannover (Fotojournalismus und Dokumentarfotografie) hat sich 2012 auf eigene Faust auf den Weg in den Irak gemacht, um die Folgen des Kriegs zu dokumentieren. Seine Bilder entstellter Kinder, die mit schweren Missbildungen zur Welt kamen, tot geboren und auf einem riesigen Kinderfriedhof in Basra beerdigt worden sind, wurden jetzt im SPIEGEL veröffentlicht – mit einem ausführlichen Text des SPIEGEL-Korrespondenten Alexander Smoldtczyk.

Unabhängig von der Frage „…darf man …“ (die ich persönlich mit Ja beantworte) hat sich auf meinen Facebook-Profil durch den geteilten Link eine interessante Debatte ergeben. Torsten Meise kommentierte: „…wieder einmal ein Beleg für die These, dass Fotografen mittlerweile die Arbeit der schreibenden Kollegen übernommen haben (Recherche, Reportage vor Ort etc.).“
Im Grundsatz gebe ich Torsten Recht; denn diese Konstellation ist seit langem öfter Regel als Ausnahme, meist den Etatzwängen und der Sparwut in Redaktionen geschuldet. Andererseits spricht für mich als Fotografin aus vielen Gründen nichts dagegen, komplette Geschichten zu liefern.

Enge, möglicherweise kongeniale Teamarbeit zwischen Text- und Bildautor ist selten: Kurzfristig für eine Reportage zusammengestellte Teams bergen sowohl das Risiko des Nichtfunktionierens auf allen Ebenen – als auch die Möglichkeit wunderbarer Zusammenarbeit. Realistisch und weitaus häufiger ist allerdings die erste Variante: Das Zusammenspiel klappt nicht, die Geschichte hingegen mit Ach und Krach, Text-Bild-Scheren inbegriffen. Oft genug kommt aus Redaktionen nur ein knappes Briefing mit einer Motivliste, eventuell eine Telefonnummer des Autors, sehr selten ein Text. Dem Fotografen lässt das in etwa den Spielraum eines dressierten Äffchens. Alles zusammen beruht – freundlich umschrieben – möglicherweise auf einer Reihe liebevoll gepflegter Missverständnisse über unterschiedliche Mentalitäten von Text- und Bildautoren. (Kurz und direkt: Manche Redaktionen und ihre Mitarbeiter halten Fotografen grundsätzlich für merkwürdige Wesen aus einer Parallelgalaxie, mit einem einzelligen Gehirn, das hoffentlich im richtigen Moment den Reflex zum Fingerkrümmen aktiviert.) Als Fotograf ist man darüber hinaus in manchen Situationen „dicht dran“ ist. Bisweilen möglicherweise dichter – und die ein oder andere erzählenswerte Geschichte begegnet einem auch während der Arbeit an einem ganz anderen Thema.

Gründe genug, die für eine Kombination aus Text und Bild sprechen. Aber da Ausnahmen wie immer die Regel bestätigen, anbei zwei persönliche Killerkriterien für diese Kombination: Der wichtigste Grund ist paradoxer Weise ein Baustein meiner Pro-Argumente. „Dicht dran“ als Fotograf beinhaltet aus den unterschiedlichsten Gründen immer auch das Risiko des „zu dicht dran“. Wer als Fotograf nicht eine gewisse professionelle Distanz zum abgebildeten Thema wahrt, ist selten ein überzeugender Textautor. Und Bildjournalisten, die ungern schreiben und ungeübt im Umgang mit Sprache sind, sollten das auch besser bleiben lassen: Beides zugunsten der Geschichte, denn Autoren, die Bild und Sprache auf gleichermaßen hohem Niveau beherrschen, sind sehr selten.

Torsten Meise, Journalist:

Fotografen scheinen immer öfter mit den besseren Geschichten zu kommen. Vielleicht, weil sie eh nichts mehr zu verlieren haben?

Als ich vor 30 Jahren als Lokalreporter unterwegs war, musste ich am Wochenende auch Bilder mitbringen. Einen Fotografen zu jedem Karnickelzüchterverein oder Kreisligakick zu schicken, war schon damals in den Etats nicht enthalten. Für mich hieß das: den halben Sonntag vor der Schreibmaschine und die andere Hälfte des Tages in der Dunkelkammer verbringen. Ich habe es gehasst. Ich habe die Dunkelkammer gehasst, aber auch dieses Multitasking vor Ort, weil ich entweder zu wenig Zeit für ein gutes Bild hatte – oder zu wenig Zeit , um alle Infos zu bekommen.

Seitdem genieße ich jeden Termin, den ich mit einem Fotografen gemeinsam machen kann. Fotografen sind auch meistens gute Smalltalker und reden gerne und ausgiebig darüber, wen oder was sie gerade wieder vor der Kamera hatten. Das entlastet mich, denn ich muss mich an irgendwelchen Schwätzchen nur durch gelegentliches Nicken oder Nuscheln beteiligen. Das kommt mir entgegen.

Aber auch das ist vorbei. Denn ich muss schon lange überlegen, wann ich zuletzt einen Termin gemeinsam mit einem Fotografen gemacht habe. Eigentlich mache ich gar keine Termine mehr. Es verlangt auch kaum noch jemand, und bezahlen will es eh keiner mehr.

Ich glaube, hier liegt ein wesentlicher Grund, warum es in letzter Zeit eher Fotografen sind, die aufwändige Recherchen betreiben, Geschichten ausgraben und tolle Reportagen machen. So wie Christian Werner.

Wir erleben derzeit eine Renaissance der Fotoreportage, erweitert um bewegte Bilder und nicht selten konzipiert für die Verbreitung im Web. Wer sich die Multimedia-Dokumentationen der amerikanischen Agentur Mediastorm ansieht, kommt aus dem Staunen kaum noch heraus. Gleiches gilt für den dänisch-deutschen Bombay Flying Club.

Ich weiß nicht, wie sich solche komplexen Arbeiten finanzieren, wenn man nicht gerade ein öffentlich-rechtliches Medium als Partner hat, aber reich werden die Menschen hinter der Kamera damit ganz sicher nicht, trotz Filmförderung oder irgendwelcher obskuren Stipendien. Und hier liegt ein weiterer Punkt: Da es für Fotojournalisten und Dokumentarfilmer ökonomisch noch mieser aussieht als für uns Schreibende, gibt es dort möglicherweise weniger Hemmungen, sich mal so richtig komplett selbst auszubeuten, ohne Rücksicht auf Verluste. Und Not macht bekanntlich auch erfinderisch. Wenn ich an meine Gespräche der vergangenen ein, zwei Jahre zurückdenke, dann kamen mir Kolleginnen und Kollegen von der Bildseite fast durchgehend aktiver, leidenschaftlicher, kreativer und produktiver vor als viele Journalisten.

Möglicherweise ist das eine Mentalitätsfrage. Fotografen müssen immer “nah dran” sein, wie Heike Rost sagt. Sie haben deshalb oft eine andere, direktere Herangehensweise als wir Schreibenden.

Aber es gibt eventuell auch eine ökonomische Komponente. Während wir Schreiberspießer noch hin und wieder den Anspruch äußern, mit unserer Arbeit auch eine Familie ernähren zu wollen, haben sich manche Fotografen davon möglicherweise längst verabschiedet, ich weiß es nicht. Aber wer monatelang Geschichten verfolgt oder wochenlang durch die Welt reist, um ein paar Bilder zu veröffentlichen, muss unter den heutigen Bedingungen jeglichen ökonomischen Realitätssinns beraubt sein.

Dass es trotzdem Fotografen gibt, die das immer wieder tun, ist ebenso wunderlich wie bewundernswert. Für uns Journalisten sollte das ein Tritt in den Hintern sein.

—–
Die SPIEGEL-Reportage als PDF, ca. 1 MB
Der Blog-Beitrag von Matthias Krug/Bildredaktion SPIEGEL
Die Facebook-Debatte.

 

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Abgelegt unter Debattenlog | 9 Kommentare

9 Kommentare
  1. #1 • Heike Rost hat am 04.01.2013 gesagt:
     

    Oh hallo, die Missverständnisse, da sind sie wieder … ;)

    “Weniger Hemmungen, sich selbst auszubeuten”? Weit gefehlt: Die Zahl der professionellen Fotografen, die sich aus dem Beruf verabschieden oder verabschiedet haben, ist beträchtlich. Sie arbeiten dann halt in anderen, eventuell in einem früheren Leben gelernten Beruf: Als Erzieher, Lehrer, Taxifahrer … nichts Neues, darüber haben die Kollegen von Freelens schon einige Male geschrieben. Und oft genug sind mangelnde betriebswirtschaftliche Kenntnisse Grund für die vermutete oder tatsächliche Selbstausbeutung. (Was eine gehörige Portion künstlerischer Leidenschaft selbstverständlich nicht ausschließt.)

    Ein kleines Faktenbeispiel dazu: Der Durchschnittswert des Equipment eines Bildjournalisten liegt bei rund 35 – 50.000 €, der Unterhalt für die Technik beträgt pro Jahr rund 30% des Gesamtwerts vorhandener Ausrüstung. Dass solche Summen nicht mit Bildhonoraren ab 5 € im Tageszeitungsbereich oder Tagessätzen von 200 € zu finanzieren sind, sollte jedem klar sein, der mit Fotografie seine Brötchen verdienen möchte. (Und eigentlich auch jedem Auftraggeber, der die Qualität von Fotografen zunächst am Umfang der Ausrüstung festmacht, aber nicht bereit ist, dafür angemessene Honorare zu zahlen. Binse eigentlich.)

    “Fotografen sind meist amüsante Smalltalker”? Kommt sicherlich auf die jeweilige Person an. Ich erinnere mich durchaus an hektische und/oder überaus redselige Textkollegen, die ich während gemeinsamer Reportagen gebeten habe, doch bitte einen Kaffee trinken zu gehen und mich konzentriert arbeiten zu lassen… ;)

    Und wer einen kleinen Einblick gewinnen möchte, wie Fotografen so gestrickt sind, dem lege ich das wunderbare Interview von Philippe Halsmann mit W. Eugene Smith ans Herz: 1956 entstanden, ist das intensive Gespräch gerade vom Lens Blog wiederentdeckt worden – und in vielen Aspekten sehr aktuell.
    http://lens.blogs.nytimes.com/2013/01/03/w-eugene-smith-i-didnt-write-the-rules-why-should-i-follow-them/

  2. #2 • Torsten Meise hat am 04.01.2013 gesagt:
     

    Vielleicht habe ich zu sehr auf ökonomische Faktoren abgehoben, ich habe mir nur ein paar Erklärungen dafür zusammengereimt, dass sich Fotografen hinter mühselige Geschichten, Journalisten sich eher hinter den Schreibtisch klemmen.

    Ansonsten habe ich noch einen wichtigen Faktor gar nicht erwähnt: Ich glaube, dass Journalisten viel mehr in Bildern, Filmen und digitalem Design denken müssen, weil wir das für das digitale Publizieren benötigen. Das ist nämlich noch ziemlich langweilig und eindimensional, da müssen wir ganz akut an neuen Formaten und Programmierungen arbeiten. Vielleicht lernen die Fotografen gerade unsere Arbeitsmethoden und werden auch noch Videografen und halbe Webdesigner, weil sie das schon verstanden haben. Noch bezahlt das keiner, aber in wenigen Jahren könnte sich das dramatisch ändern.

  3. #3 • Heike Rost hat am 04.01.2013 gesagt:
     

    Trotz oft als “glamourös”, schick und kreative bezeichneten Berufs: Fotografen verbringen leider mittlerweile ziemlich viel Zeit am Schreibtisch. Im Netz kursierte 2012 dazu diese schon etwas ältere Grafik:
    http://blog.blurb.com/the-best-infographic-weve-seen-about-photography-careers/

    Was Deine Einschätzung des “Denkens in Bildern, Filmen etc.” betrifft, gebe ich Dir einerseits Recht, Torsten: Die Empathie für andere Bereiche der Arbeit fehlt oft genug. Andererseits widerspreche ich Dir aus langjähriger Arbeitserfahrung: Wer in Bildern denkt, ist nicht unbedingt in Sprache zuhause. Und wer brillante Texte schreibt, mitunter visueller Legastheniker. Das schließt von vorneherein das Modell des Allrounders aus. Übrigens gibt’s diese legendären Alleskönner nicht mal unter Fotografen: Jemand, der brillante Stills inszeniert, ist nicht zwingend auch ein exzellenter Landschaftsfotograf oder jemand, der umwerfende Porträts mit Tiefgang jenseits von Posen, Fassade und buntem Licht macht …. ;)

    Und gestatte mir die Anmerkung zum Schluss: Wir sind (hoffentlich) allesamt Geschichtenerzähler und zweibeinige Trüffelsucher … das verbindet uns und schließt Formulierungen wie “die … lernen grade unsere Arbeitsmethoden…” und den damit verbundenen Blickwinkel eigentlich aus. ;)

  4. #4 • Heike Rost hat am 04.01.2013 gesagt:
     

    Noch ein Lesetipp, der erklärt, warum Fotografen bisweilen merkwürdige Dinge machen, wenn es um den Beruf geht: http://www.wired.com/rawfile/2013/01/jonas-bendiksen/?pid=4713

  5. #5 • Marcus Kaufhold hat am 05.01.2013 gesagt:
     

    Früher, in den achtzigern waren doch die Lager gar nicht so voneinander getrennt! Ich hab mein Volontariat gemacht, war Lokalredakteur und hab zu meinen Geschichten selber fotografiert – aus Spaß. Insgesamt kenne ich noch drei Kollegen, die als Journalisten angefangen haben und dann (sehr gute) “Fotografen” geworden sind. (Richtiger ist “Fotojournalisten”).

    Und ich weiß von zwei Kollegen, die als lupenreine “Fotografen” angefangen haben und dann ins schreibende Lager sind. Der eine hat sogar eine lupenreine Fotolehre gemacht.

    Jetzt kommt eine steile These: Seit etwa 15 Jahren wandern wir zurück in eine mittelalterliche Ständegesellschaft. Es wird wieder unterschieden zwischen den “Denkern” und den “Handwerkern”. Das ist urdeutsch – und nicht mehr amerikanisch.

    Apropos Amerika: Wer sehen will, wie eine tolle Lokalzeitung mit nur 10000 Auflage auszieht – das klicke hier.

    https://www.nppa.org/node/27124

    Da klappt das offensichtlich mit dem Teamwork. Da ist Fotojournalismus angesagt und es gibt viel mehr als nur bebilderte Texte. Da sind Leser, Auflage, Geschäft und Zukunft. Der Herald ist ein Familienunternehmen, ein erfolgreiches.

  6. #6 • Heike Rost hat am 05.01.2013 gesagt:
     

    So steil finde ich die These gar nicht: “Schubladendenken” dieser Art ist nicht nur sehr bequem, sondern spiegelt möglicherweise auch die Entwicklungen in der Medienbranche wieder. Seit Jahren sinkende Honorare, implodierende Redaktionen, Stellenabbau, Einstellung kompletter Publikationen und vieles mehr kosten: Nicht nur Geld – sondern meistens auch Ideen, Geistesblitze, Motivation und Leidenschaft.

    Das Ergebnis sind dann “bebilderte Texte”, deren Bausteine oft noch nicht einmal einzeln funktionieren. Sie fügen sich zu einem blassen Irgendwas zusammen, das als Komplettwerk auch keine Strahlkraft mehr besitzt, nicht mehr fesselt und inspiriert….

    P.S. Danke Dir, Markus … für den Umweg von Facebook ins Jonet!

  7. #7 • Marcus Kaufhold hat am 05.01.2013 gesagt:
     

    Ich weiß nicht genau, nach welchen Kriterien in den vergangenen Jahren so der Nachwuchs rekrutiert worden ist. Mein erster Chefredakteur, Jürgen Juckel, war wichtig: Sprechen Sie Fremdsprachen? Haben Sie einen Führerschein? Haben Sie ein Auto? Können Sie auch mal ein Foto machen? Dunkelkammer?
    Andere Chefredakteure haben einfach den Nachwuchs mal getestet: “Schreiben Sie doch mal diese 60 Zeilen um in eine knappe Meldung”. Und: “Hier ist ein anderer Stoff. Machen Sie aus der Meldung eine richtige Geschichte – Sie haben insgesamt 60 Minuten.”

  8. #8 • Heike Rost hat am 05.01.2013 gesagt:
     

    In solchen Momenten erinnere ich mich an zwei meiner Lehrer. Der eine schrieb mir kurz nach meiner Abschlussprüfung (Fotografie!) einen wunderbaren Brief, den ich heute noch habe. “Mach alles, was das Gehirn auf Trab hält: Bücher, Filme, Kunst, Menschen, guten Wein und Zigarren. Aus dem prallen Leben, aus Erfahrungen und auch dem Scheitern werden irgendwann kraftvolle Bilder.” Der andere las einen “Nachwuchs”-Text – und seufzte genervt. “Er liest nicht gerne. Aber schreiben würd’ er schon gern können…”

  9. #9 • Marcus Kaufhold hat am 05.01.2013 gesagt:
     

    Leider hab ich jetzt das allerwichtigste aus dem damaligen Bewerbungsgespräch vergessen. Vergessen, weil es so selbstverständlich ist: Jürgen Juckel wollte wissen, ob ich die Frankfurter Zeitungen über einen längeren Zeitraum auch gelesen habe. Und er hat auch Themen abgefragt.

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